Herztransplantiert und trotzdem 21 km: damiano läuft sich in turin zurück ins leben
Am 19. April startet ein Mann, der vor zwölf Monaten noch an der ECMO hing, zur Halbmarathon von Turin – mit den Herzchirurgen, die ihn retteten, an seiner Seite.
Der lauf, der alles auslöste
Damiano, 49, Hobbyläufer aus dem Piemont, kannte das Prickeln in der Brust nach zehn Kilometern. Doch dieses Mal war es kein Muskelkater. Der Schmerz bohrte sich durch das Sternum, ließ ihn langsamer werden, dann stocken. Wenig später lag er auf der Intensivstation der Città della Salute e della Scienza di Torino, Herz außer Takt, Kreislauf kollabiert. Die Diagnose klang wie ein Todesurteil: fulminante Riesenzellmyokarditis, eine Entzündung, die das Organ binnen Tagen zerreißt.
Die Ärzte schlossen ihn an die ECMO an, ein mobiles Herz-Lungen-Gerät, das sein Blut außerhalb des Körpers pumpete. Acht Tage wartete er auf ein Spenderherz – acht Tage, in denen seine Frau bei jedem Telefon zusammenfuhr, weil die nächste Nachricht bedeutenen konnte: zu spät.

Neues herz, alte leidenschaft
Professor Massimo Boffini und Dr. Erika Simonato nahmen ihm das kranke Organ heraus, setzten ein fremdes ein. „In diesen Momenten zählt jede Sekunde“, sagt Boffini. „Das Transplantat war seine einzige Chance, aber auch unser größtes Risiko.“ Der Eingriff dauerte fünf Stunden, danach lag Damiano mit einem fremden Takt im Brustkorb – 70 Schläge pro Minute, die ihn zurückholten ins Leben.
Rehabilitation in Veruno: erst 20 Meter Gang, dann 200, später ein Kilometer. „Ich habe gelernt, meinen Puls wieder zu spüren, nicht nur zu hören“, erzählt er. Nach drei Monaten ging er zurück in die Bankfiliale, nach sechs wieder auf die Laufrunde um den Block. Sein Training schrieb sich neu: 5:30 Minuten pro Kilometer wurden 6:30, dafür aber mit Herz.
Startschuss als schlussstrich
Am 19. April trägt er Startnummer 1300 – genau die Zahl der Herztransplantate, die das Molinette-Jahr zuvor verzeichnete. Mit ihm laufen Oberarzt Matteo Giunta und drei Intensivschwestern. „Wir haben ihn beatmet, jetzt pachen wir mit“, sagt Giunta. Die Strecke führt vom Parco del Valentino bis zur Basilika Superga, 21,097 km, 185 Höhenmeter, unzählige Emotionen.
Für Damiano ist das Ziel keine Zeit, sondern ein Datum: der 19. April ist Nationaler Tag der Organspende in Italien. „Wenn ich über die Matte laufe, schließe ich den Kreis, den mein altes Herz aufgerissen hat“, sagt er. Die Spenderfamilie wird an der Strecke stehen, anonym, mit einem Schild: „Corri per noi.“
Professor Mauro Rinaldi, Leiter der Transplantationszentrale, wird an der 15-Kilometer-Marke warten. „Jeder Schritt ist ein Beweis: Transplantation ist kein Ende, sondern ein Neuanfang.“ 2023 wurden in Turin 47 Herztransplantationen durchgeführt, so viele wie nie zuvor. Die Warteliste ist trotzdem lang, 156 Patienten hoffen auf denselben zweiten Herzschlag.
Um 9.30 Uhr fällt der Startschuss. Damiano weiß: Nach 21 Kilometern wird er nicht nur schwitzen, sondern weinen. Denn das Zielband ist sein ehemaliges Intensivbett – nur eben auf der anderen Seite des Lebens.
