Hertha-nürnberg: das rätsel, das berlin seit 55 jahren nicht löst

Kein Sieg gegen Nürnberg im eigenen Stadion, keine Punkte im eigenen Stadion – und das schon seit 55 Jahren. Heute, 13.30 Uhr, versucht Hertha BSC im Olympiastadion das Unmögliche: endlich den 1. FC Nürnberg zu schlagen. Die Statistik lacht nicht mit den Berlinern, sie spuckt sie aus: fünf Zweitliga-Heimspiele, null Siege, drei Remis, zwei Niederlagen. Kein anderer Klub quält die Alte Dame so sehr.

Miroslav klose kommt, und berlin zittert

Der Mann an der Seitenlinie, der dieses Trauma weiterleben lassen könnte, heißt Miroslav Klose. Der Weltmeister steht erstmals als Cheftrainer im Olympiastadion – und trägt eine Bilanz mit, die Hertha-Fans in Albträume versetzt: unter seiner Regie blieb Nürnberg in drei Duellen torlos, holte nur einen Punkt. Die Null gegen den Club ist Programm. Klose weiß das. Stefan Leitl auch. Der Hertha-Coach sprach diese Woche von „Selbstverständlichkeit“, doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: acht Punkte aus neun Spielen, 16 Gegentore, nur ein Sieg seit Anfang Dezember. Die Heimkrise trifft auf Auswärtsschwäche. Nürnberg ist das schwächste Auswärtsteam der Liga – acht Punkte, 10:18 Tore, fünf Pleiten in Serie. Zwei verletzte Tiere, eine Beute.

Fabian Reese ist der einzige Berliner, der aktuell nicht nachzählt. Drei Tore, drei Assists in den letzten fünf Partien – kein Zweitligaspieler steuerte mehr Torbeteiligungen bei. Gegen Nürnberg lieferte er im Hinspiel zwei Vorlagen. Die Zahlen lügen nicht: ohne Reese steht Hertha still. Mit ihm läuft selbst ein Blockbuster. Doch auch er kann die Statistik nicht allein drehen. Fehlen wird Adam Markhiev, gelbgesperrt. Der Mittelfeldstratege traf in dieser Saison 91 Prozent seiner Pässe, gewann 58 Prozent seiner Zweikämpfe. Ohne ihn wirkt Nürnbergs Mittelfeld wie ein Schachbrett ohne König.

Die standards, die keine sind

Die standards, die keine sind

Beide Teams leben von Ruhestand. Hertha und Nürnberg erzielten je acht Tore nach Standards, doch der Club kassierte erst acht Gegentore nach ruhenden Bällen – nur Paderborn ist besser. Die Ecke kann entscheiden. Oder der Freistoß. Oder der lang geschlagene Ball. Die Wahrheit liegt im Detail. Und im Kopf. Denn wer 55 Jahre ohne Heimsieg gegen denselben Gegner spielt, der trägt nicht nur Trikotnummern, sondern auch Last.

Sky überträgt, Sport1 tickert. Doch wer nur aufs Display schaut, verpasst das Wesentliche: die Stille vor dem Anpfiff, wenn 74.000 Menschen wissen, dass ein Tor reicht, um eine Geschichte zu beenden. Oder fortzuschreiben. Die Uhr tickt. Die Statistik wartet. Und irgendwo zwischen Tribüne und Torlinie liegt die Antwort auf die Frage, ob Berlin endlich erwachsen wird – oder weiterhin das Kind bleibt, das nicht schlafen kann, weil der Club sein Schatten ist.