Hans-georg aschenbach: gold, schmerz und die schatten der ddr-dopingpolitik

Hans-georg aschenbach: ein leben zwischen triumph und trauma

Vor 50 Jahren feierte Hans-Georg Aschenbach einen historischen Sieg bei den Olympischen Spielen in Innsbruck: Gold im Skispringen von der Normalschanze. Doch hinter dem Glanz der Medaille verbirgt sich eine Geschichte voller Schmerz, politischer Zwänge und der allgegenwärtigen Dopingpolitik der DDR. Im Gespräch mit Sport BILD blickt der 74-Jährige auf seine Karriere zurück und offenbart brisante Details.

Die schweren vorbereitungen: schmerzen und politische kontrolle

„Vor Olympia hatte ich massive Probleme“, erinnert sich Aschenbach. Ein neues Trainingsprogramm, auf Drängen der DDR-Wissenschaftler, habe ihn völlig aus dem Konzept gebracht. Hinzu kam eine Knieoperation, die in Schweden mit modernster Arthroskopie hätte durchgeführt werden können. Doch für die DDR war Aschenbach offenbar nicht wertvoll genug. Stattdessen wurde er in die Charité in Berlin geschickt, wo er konservativ behandelt wurde – eine Behandlung, die viel Zeit kostete und mit Schmerzen verbunden war. „Unter Schmerzen und mit Kniepunktion habe ich es zu Olympia geschafft.“

Das materialdefizit und der trickreiche anlauf

Das materialdefizit und der trickreiche anlauf

Auch die Ausrüstung war ein Problem. „Auch beim Material hinkten wir den Österreichern hinterher. Die sprangen bei gleichem Anlauf 15 Meter weiter.“ Doch Aschenbach und sein Team gaben nicht auf. Kurz vor dem Wettkampf wurden spezielle Anzüge aus Frauenunterwäsche gefertigt, mit Strick verstärkt und lackiert, um den Luftwiderstand zu verringern. „So konnten wir Paroli bieten.“ Doch auch beim Anlauf griff Aschenbach zu einem Trick: Er nutzte die Plattform der Schanze als verlängerte Anlaufspur. „Die vier, fünf Meter mehr haben mir bestimmt einen km/h mehr Geschwindigkeit gebracht.“

Die stasi im nacken: überwachung bis auf die toilette

Die stasi im nacken: überwachung bis auf die toilette

Die politische Kontrolle war allgegenwärtig. „Die Richtlinie war: Die BRD-Sportler sind Feinde. Kontakt zu ihnen wird bestraft.“ Zu den Österreichern pflegte man jedoch eine „symbolische Sportfreundschaft“. Selbst auf dem Weg zur Toilette wurde Aschenbach von zwei Zivilbeamten der Stasi verfolgt – aus Angst, er könnte fliehen. „Dabei wollte ich mir unbedingt diese Medaille holen.“ Später gelang ihm dann tatsächlich die Flucht in den Westen.

Das ddr-dopingprogramm: ein schuldeingeständnis

Das ddr-dopingprogramm: ein schuldeingeständnis

Aschenbach bestätigt die umfassende Dopingpraxis der DDR. „Alle Kader waren in den staatlichen Plan zum Einsatz unterstützender Mittel im Leistungssport involviert – auch ich.“ Bis zum 18. Lebensjahr wussten die Athleten nicht, welche Substanzen ihnen verabreicht wurden. „Es gab sogenannte Vitamincocktails, die wurden bei Lehrgängen abends in Schüsseln verteilt. Wir haben nicht weiter nachgefragt, was da drin ist.“ Mit 18 wurden die Athleten über die Risiken aufgeklärt und mussten eine Einverständniserklärung unterschreiben, andernfalls flogen sie aus dem Kader.

Oral-turinabol und primobolan: die mittel der wahl

„Vor Wettkämpfen mussten wir immer zur Kontrolle nach Kreischa. Wer einen positiven Dopingtest hatte, blieb zu Hause.“ Die verabreichten Substanzen waren hauptsächlich Oral-Turinabol (die berühmten blauen Pillen) und Primobolan als Spritze. Aschenbach betont, dass diese Steroide für Skispringer kontraproduktiv waren: „Leicht fliegt besser. Und anabole Steroide sorgen immer für Gewichtszunahme. Sie haben uns richtig gemästet.“ Er selbst wog damals 72 Kilo bei einer Körpergröße von 1,75 Metern.

Ein dopingschatten über dem erfolg?

Aschenbach sieht seinen Erfolg nicht primär durch Doping geschmälert. Die Steroide seien kontraproduktiv gewesen und wurden gegen Ende seiner Karriere nicht mehr verabreicht. Er betont die Bedeutung der Talentsichtung und -förderung sowie die hohe Motivation der DDR-Sportler. Dennoch räumt er ein, dass die Erfolge der DDR-Sportler oft zu stark auf Doping reduziert werden.

Der magerwahn im skispringen: eine anhaltende problematik

Auch heute noch sieht Aschenbach den „Magerwahn“ im Skispringen als Problem. „Domen Prevc sieht nicht viel anders aus als früher Sven Hannawald und Martin Schmitt.“ Er vermutet, dass viele Springer heute Ozempic, die Abnehmspritze, nutzen, da diese noch nicht auf der Dopingliste steht.

Die flucht 1988: ein neuanfang

1988 entschied sich Aschenbach zur Flucht in den Westen. Gründe waren sowohl private Probleme als auch berufliche Unzufriedenheit. Nach seinem Medizinstudium wurde er vom Staat ausgebremst. Er wurde zum Arzt der DDR-Skispringer ernannt und sollte Dopingpläne erarbeiten – was er ablehnte. Die Flucht nutzte er bei einem Wettkampf in Hinterzarten.

Heute: arzt in freiburg und experte für wirbelsäule und gelenke

Heute lebt Hans-Georg Aschenbach mit seiner Familie in Waldkirch-Kollnau bei Freiburg und betreibt eine Arztpraxis, spezialisiert auf Wirbelsäule und Gelenke. „Die Menschheit wird immer älter, und ich versuche, die regenerativen Prozesse zu unterstützen.“