Hans lindberg wirft schlussstrich: dänemarks dauerbrenner tritt ab

Hans Lindberg ist raus. 21 Jahre nach seinem Debüt verabschiedet sich der 308-fache Nationalspieler mit einer stummen Handbewegung, die mehr sagt als jedes Interview: farvel, und Danke für 800 Tore, drei Gold-Kontinente und einen olympischen Stern.

Am Samstag, in Kopenhagens Royal Arena, bekommt der 44-jährige Rechtsaußen seine Bühne – zwischen zwei Länderspielen, als wolle man die Lücke schon mal ausmessen, die er hinterlässt. Denn Lindberg war nicht nur Flügel, er war Kompass. In Umkleidekabinen, in die kein Coach mehr hineingeschaut hat, war seine Stimme der Fahrplan, wenn Druck und Taktikplan zusammenbrachen.

Wie ein termometer für die dänische seele

Sein erstes Tor für De rød-hvide erzielte er im März 2003 gegen Polen. Die Haare noch rotblond, der Arm noch ohne Tätowierung. Was folgte, liest sich wie ein Handball-Märchen: zwei Weltmeistertitel, zwei Europacrowns, Olympia 2016 in Rio – und immer er, der als Erster zur Jubeltraube sprintete und als Letzter den Koffer zuschnallte. 308 Länderspiele, nur Lars Christiansen und Michael V. Knudsen kamen je höher. Kein Skandal, keine Boykott-Drohung, nur Arbeit.

Aber die Zahl, die ihm selbst am meisten schmeichelt, steht nirgends in den Statistiken: 17 verschiedene Coachs hatte Dänemark seit 2003, jeder fand in Lindberg einen Verbündeten. „Wenn Hans nicht spielt, spielt die Hymne falsch“, sagte Nikolaj Jacobsen einmal halb im Scherz, ganz im Ernst.

Die macht der kleinen gesten

Die macht der kleinen gesten

Was ihn auszeichnete, war die Nachspielzeit seiner Aktionen. Ein verwandelter Siebenmeter war nie nur ein Punkt, sondern ein Schulterklopfer für den nächsten Nachwuchswerfer. Gegen Frankreich 2015 steckte er nach eigenem Fehler zwei Angriffe später den Siegtreffer – und entschuldigte sich vor der Kamera mit einem Blick, der mehr Einschaltquoten produzierte als jede Werbepause.

Mittlerweile spielt er noch bei Høj Elite in der ligaen, trainiert nebenbei die U-18 seines Heimatvereins und moderiert Podcasts, in denen er Talente mit Stichwortgebern verheiratet. Wer glaubt, Lindberg sei jetzt ein Rentner mit Schläger, unterschätzt die Langeweile des Profi-Genes. Sein Körper mag 44 Jahre alt sein, sein Puls pendelt noch immer bei 180.

Ein loch, das größer ist als die statistik

Ein loch, das größer ist als die statistik

Mit seinem Abgang endet eine Epoche, die viele Fans gar nicht als Epoche wahrnahmen – weil sie ihn einfach immer da hatten. Für die neue Generation ist Mikkel Hansen der Idol-Name, doch selbst Hansen sagt: „Ohne Hans hätte ich meine erste WM vermutlich auf der Bank verbracht.“

Die Royal Arena wird am Samstag 12.000 Menschen fassen, Tausende werden sich die Lindberg-Träne einfangen wollen. Danach wird die Anzeigetafel auf 00:00 laufen, und genau dann beginnt die Stoppuhr für den Verband: Wer übernimmt die Mentoring-Rolle, wer schreit die wichtigen Sprüche, wenn die Halbzeitpfeife auf die Nerven schlägt?

Lindberg selbst will sich „erst mal zur Ruhe betten“, wie er sagt – eine Formulierung, die so nach ihm klingt, dass man lachen muss und gleich darauf die Trauer spürt. Denn wenn er morgen früh aufwacht, wird die dänische Nationalmannschaft noch da sein. Nur eben ohne ihr stetes Herzstück. Und das wird wehtun – länger als neun Meter und lauter als jedes faaaaarvel, das die Arena zu bieten hat.