Hannover 96 zittert sich zum zweiten derby-sieg: noll rettet, fans feiern durch
1:0 gegen Braunschweig, 1:0 für die Seele der Stadt. Hannover 96 hat das zweite Niedersachsen-Duell dieser Saison knapper gewonnen als ein Kaugummi an Schuhsohle klebt – und trotzdem lacht am Freitagabend ganz Pelkum mit den Roten. Denn Nahuel Noll hielt, was die Abwehr verschenkte, Enzo Leopold hob die Meisterschale schon mal imaginär in den Himmel, und die Konkurrenten dürfen am Wochenende nur noch zuschauen, wie sich Hannover eine Schippe Druck vom Leben nimmt.
Titz gesteht: „wir haben uns das herz aus dem leib gekämpft“
Christian Titz sprach nach Abpfiff so ehrlich, dass man ihm fast die Mikrofone aus der Hand fallen hörte. „Unser Torhüter hat uns heute sehr im Spiel gehalten“, sagte der Coach, ohne die übliche Schönfärberei. 71 Prozent Passquote im ersten Durchgang, ein Dutzend leichte Ballverluste im Aufbauspiel – Statistiken, die normalerweise nach 2. Liga-Abstiegsplätzen riechen. Doch Hannover 96 besitzt momentan zwei Dinge, die sich nicht in Excel-Zellen fangen lassen: einen Schlussmann mit Reflexen wie eine Katze auf Red Bull und eine Derby-Mentalität, die selbst Braunschweigs Pressing zermalmte.
Die Gäste hatten mehr Torschüsse, mehr Eckbälle, mehr Spielanteile. Was sie nicht hatten: den einzigen Treffer. Maximilian Beier nutzte in der 58. Minute einen Abpraller, nachdem Noll zuvor einen Großteil der Schmach verhindert hatte. Der Treffer war nicht schön, aber er zählte – und das reicht in einem Derby häufig mehr als jede Ballbesitz-Philosophie.

Kapitän leopold: „heute nacht schläft keiner in rot“
Als Leopold in der 71. Minute ausgewechselt wurde, schlurfte er mit zittrigen Knien zur Bank. „Nervenkitzel bis zum Ende“, nannte er das, „umso glücklicher, dass wir es über die Zeit gebracht haben.“ Der 26-Jährige wuchs in Hemmingen auf, kennt jeden Fanbusch der Stadt. Seine Worte klangen deshalb nicht nach Standard-Interview, sondern nach Schulabschlussfeier: „Die Leute hier sollen es genießen, sie haben es sich verdient.“
Verdient – das ist in dieser Saison ein schillerndes Wort. Hannover spielt nicht dominant, aber effektiv. Nach 31 Spieltagen steht die Mannschaft einen Punkt vor Darmstadt und zwei vor Schalke. Die Ausgangslage ist so eng wie die Kabine nach dem Schlusspfiff, in der bereits die ersten Bierdosen klapperten. „Macht euch keine Sorgen“, sagte Leopold und klingt dabei wie ein Mann, der weiß, dass sich morgen die Frühaufsteher unter den Fans die Augen reiben werden.

Sperrstunde? gibt’s nicht, sagt titz
Die Polizei wird es nicht gern hören, doch Titz stellte klar: „Nein, die gibt es heute nicht.“ Die Spieler wollten mit den Anhängern durchfeiern – und das ist mehr als bloße Lippenbekenntnisse. In der vergangenen Saison schwankte Hannover zwischen Glanz und Katastrophe, diesmal scheint der Knoten geplatzt. Die Chemie zwischen Tribüne und Rasen funktioniert, die Siegesserie gegen den Nachbarn hält. Und während Braunschweig mit leeren Händen und voller Konfusion abreist, darf Hannover am Samstag auf dem Sofa die Konkurrenz jagen.
13 Uhr: Elversberg gegen Bielefeld. 13 Uhr: Paderborn gegen Dresden. 20.30 Uhr: Darmstadt gegen Schalke – das Topspiel, das eventuell wieder die Tabellenspitze dreht. Ob die 96er gemeinsam schauen? „Je nachdem, wie es uns geht“, sagte Leopold und grinst so breit wie das Niedersachsenstadion lang ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass morgen ein paar leere Stühle in der Kneipe stehen, ist gegen null.
Hannover 96 hat nicht nur drei Punkte geholt, sondern auch die Seele der Stadt berührt. Und wenn am Sonntag die ersten Pflicht-Trainingstermine anstehen, wird niemand mehr an fehlende Ballbesitzwerte denken. Denn Derby-Siege schreiben keine Statistik, sie schreiben Geschichten – und die nächste Kapitelüberschrift lautet: Aufstiegsrennen. Die 96er haben sich selbst wieder in Schlagdistanz gebracht, der Rest der Liga darf jetzt rennen. Wer zuletzt lacht, spielt Bundesliga – und in Hannover lachen sie gerade laut.
