Handball-wm startet mit tor-krimi: 41:38 gegen ägypten, aber die abwehr klafft
41 Tore, 11 Paraden, ein Debütant mit Glanz – und trotzdem hängt der Sieg der DHB-Auswahl wie ein nasser Fahne in der Dortmunder Nacht. Die Fans feiern, doch im Kabinengang zieht Bundestrainer Alfreð Gislason schon die nächsten Kreise auf sein Whiteboard. Denn was vorne funktionierte, klappte hinten nur stückweise.
Juri knorr trifft neunmal, doch die lücken sind zu groß
Der Mann mit der Handball-Angst ist derzeit kein Gegner, sondern der eigene Rückraum. Ägypten nutzte dieselbe Lücke dreimal hintereinander, ehe Matthes Langhoff die Hand hebt und die Mitte dichtmachen will. „Wir haben die Spielzüge erkannt, aber nicht verhindert“, sagt er leise, als würde er sich selbst vorwerfen. Die Statistik gibt ihm recht: 38 Gegentore gegen einen afrikanischen Außenseiter – so viele kassierte Deutschland zuletzt 2015 gegen Katar.
„Positiv der Angriff, negativ die Abwehr“ – dieses Mantra wiederholt sich bis ins Umkleidekabinen-Echo. David Späth stemmt die Hüften gegen die Bank, seine 11 Paraden retteten vor allem die erste Halbzeit. Dann kam Lasse Ludwig, 22 Jahre alt, 1,98 m groß, und parierte direkt einen 7-Meter. Debüt nach 43 Sekunden, Applaus wie für einen Siebenmeterwerfer. „Ich wusste nur: Jetzt oder nie“, sagt er später, die Stimme noch heiser vom Stadionsound.

Die halle tobt, doch die stille danach wird lauter
„Gute Laune“ drohnt aus den Lautsprechern, die Großstadtengel tanzen auf dem Rasen, doch Tim Freihöfer wischt sich den Schweiß aus den Augenwinkeln. Er traf alle drei Siebenmeter, spielte aber auch die erste schwache Phase mit. „Wir lassen sie wieder herankagen, das darf nicht passieren“, sagt er und meint damit die Sequenz zwischen der 47. und 53. Minute, als Ägypten auf 34:35 verkürzte.
Die verletzten Nils Lichtlein und Marko Grgic fehlten, Andreas Wolff durfte kurz durchschnaufen. Ohne das EM-Silber-Quintett wirkt die Rotation dünner, doch genau das ist Gislasons Plan: Belastung testen, nicht schonen. „Wir wollten wissen, wer bereit ist, wenn der Druck steigt“, sagt der Isländer. Antwort: Knorr mit neun Treffern, Lukas Mertens mit sechs Vorlagen, Julian Köster mit Tempogegenstößen, die die Uhr beschleunigen.

Die nächste prüfung folgt am montag
Gegen die Schweiz geht es um den Gruppensieg, doch intern geht es um etwas Größeres: die Null in der Defensive. Denn wer 38 Gegentore gegen Ägypten kassiert, darf sich gegen Frankreich oder Spanien keine Schwäche erlauben. „Wir müssen die zweite Welle unterbinden und den Kreisläufer früher blocken“, fordert Langhoff. Die Videoanalyse läuft schon, die Codes stehen auf den Tablets.
Am Ende zählt nur: Der Auftakt ist geschafft, die Westfalenhalle tanzt, und die mission Heim-WM hat ihren ersten Kratzer erhalten – aber noch keinen Riss. Die Tore fliegen, die Sirenen heulen, und irgendwo zwischen Jubel und Mahnung schreibt Birgit Richter sich selbst eine Notiz: „Wenn die Abwehr erst einmal klickt, wird diese Mannschaft ungemütlich.“ Bis dahin bleibt die Luft in Dortmund dick vor Spannung – und sie riecht nach mehr.
