Gravina stellt den schiri-hass an den pranger – und ehrt fabregas als hoffnungsträger

„Wir reden hier von einer 17-jährigen Schiedsrichterin mit gebrochenem Kiefer – und einigen wollen mir noch erklären, das sei ‚normaler Stress im Fußball?‘“ Gabriele Gravina donnerte diesen Satz durch den Kongress-Saal der FIGC in Rom, und das Echo war so laut, dass es bis in die Provinz-Verbände schallte. Der Präsident des italienischen Fußball-Bundes nutzte die Pressekonferenz zur Verleihung des Premio Bearzot, um eine Doppeloffensive zu startieren: Abrechnung mit dem System-Arroganz gegen Unparteiische – und ein Bollwerk gegen Gewalt an Kindern auf dem Platz.

Fabregas gewinnt als erster ausländer den bearzot-preis

Cesc Fabregas stand neben ihm, lächelte verhalten. Der Coach von Como ist die erste nicht-italienische Person, die mit dem Preis geehrt wird, der seit 15 Jahren an Trainer vergeben wird, die sich durch „Leidenschaft und Innovation“ auszeichnen. Gravina ließ keinen Zweifel daran, warum die Wahl auf den Spanier fiel: „Er ist jemand, der Ideen nicht im Whatsapp-Status postet, sondern auf dem Rasen umsetzt – auch wenn ihm das Feinde macht.“ Der 37-Jährige absolvierte sein UEFA-Pro-Diplom in Coverciano, lehnte lukrative Angebote aus der Premier League ab und baute Como von der Serie B in die obere Tabellenhälfte der Serie A. „Bearzot war auch erst umstritten, bevor er Weltmeister wurde“, erinnerte Gravina.

Damiano Lembo, Präsident der US Acli, lobte Fabregas’ „mutige Spielidee“ und die Tatsache, dass der ehemalige Arsenal-Star Talente wie Alessandro Gabrielloni neue Rollenmodelle aufzeige. „Wir brauchen keine Trainer, die nur auf Tabellenkalkulation setzen, sondern solche, die den Fußball wieder spielerisch denken.“

Schiedsrichter leben in einem klima des hasses

Schiedsrichter leben in einem klima des hasses

Doch der eigentliche Knaller folgte, als Gravina das Mikro wieder ergriff. Er sprach von „zwei Fehlern pro zwanzig Spiele statt zehn vor fünf Jahren“, nannte Zahlen des Schiedsrichter-Ausschusses AIA und stellte klar: „Wir können 100 %ige Genauigkeit nicht erzwingen, aber wir können 100 %ige Würde fordern.“ Der Ton wurde rauer, als er ein Video kommentierte, in dem ein Unparteiischer in der Caf-Open-Var-Version ein Gelb vorzeitig zieht, weil er schon die Proteste der Spieler kommen sieht. „Surreal, aber leider Realität“, so Gravina.

Francesco Massini, Vizepräsident der AIA, kündigte an, dass Schiedsrichter-Idol Marco Guida mit dem Premio Stefano Farina ausgezeichnet wird. Gleichzeitig erhält die 17-jährige Valentina Zamburru eine Sonderauszeichnung – sie wurde Ende Februar von einem Spieler und dessen Vater attackiert, weil sie in einer U17-Partei auf Sardinien einen Elfmeter gegen die Heimmannschaft pfiff. „Ihr Kiefer war an drei Stellen gebrochen, ihre Karriere beinahe beendet – von Erwachsenen, die ihrem Sohn beibrachten, Gewalt sei Mittel zum Zweck“, sagte Gravina mit zitternder Stimme. Die Strafe für die Täter: Sperren auf Lebenszeit, keine Gnade durch die FIGC. „Wer Kindern Gewalt lehrt, hat im Fußball nichts verloren – und schon gar nicht in der Gesellschaft.“

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In dieser Saison verzeichnete die AIA 38 handfeste Bedrohungen gegen Schiedsrichter, 11 Anzeigen wegen Körperverletzung, zwei mit Haftstrafe. Die Fehlerquote sank zwar, die Hass-Rate stieg. „Wir werden die Open-VAR-Daten nächste Saison evaluieren, aber eins steht fest: Transparenz darf keine Waffe für Populisten sein“, so Gravina.

Capello erhält sonderpreis – und gibt der liga hausaufgaben auf

Capello erhält sonderpreis – und gibt der liga hausaufgaben auf

Abgerundet wird der Abend durch einen Sonderpreis an Fabio Capello, der in diesem Jahr 80 wird. Gravina schmunzelte: „Er war früher als Coach streng, heute als TV-Experte noch strenger – und immer noch bereit, uns Denkanstöße zu geben.“ Capello selbst forderte in seiner Dankesrede mehr „Respekt-Kultur“ auf und abseits des Platzes: „Wenn wir Kinder nicht schützen, schützen wir die Zukunft des Sports nicht.“

Die Premieren des Abends sind gesetzt: Erstmals ein Ausländer als Bearzot-Preisträger, erstmals eine Teenager-Schiedsrichterin als Symbol gegen Gewalt, erstmals ein Bundespräsident, der laut sagt, was viele murmeln: Der Fußball muss sich erinnern, dass er ein Spiel ist – und keine Kriegserklärung.

Die Saison neigt sich dem Ende zu, doch die nächste Geschichte beginnt bereits am 1. Juni, wenn die AIA ihre neuen Sicherheitsrichtlinien vorstellt. Mit dabei: ein Psychologen-Team für Unparteiische, ein anonymes Meldeportal und ein „roter Knopf“ auf der Brust der Schiedsrichter, der bei akuter Bedrohung sofort die Polizei alarmiert. Ob das reicht? Die 38 Bedrohungen dieser Saison sagen: Es ist ein Anfang. Und der Preis für Fabregas? Ein Signal, dass Mut sich lohnt – auch wenn man dafür erst mal Feinde macht.