Gold-hattrick in cortina: johannes aigner fegt das feld weg
Ein Schlag, zwei Sekunden Stille, dann brach der Kitzbüheler Hang in Cortina in ohnbärbaren Jubel aus. Johannes Aigner schoss mit 110 km/h durchs Ziel, riss die Arme hoch und hatte soeben die dritte Goldmedaille in fünf Tagen umgehängt. Die Uhr stoppte bei 0,34 Sekunden Vorsprung – auf dem Papier ein Hauch, auf der Piste eine Demonstration.
Die 0,34 sekunden, die alles klar machen
Giacomo Bertagnolli, Italiens Hoffnungsträger, hatte nach Durchgang eins noch geführt. Was folgte, war kein gewöhnlicher zweiter Lauf, sondern ein Statement. Aigner und sein Guide Nico Haberl legten sich flach ins Fallrohr, nahmen die Steilpassage ohne Bremsmodulation, trafen jede Gate-Linie millimetergenau. Die Laufbestzeit war nicht nur schneller – sie war vernichtend. „Ich habe gedacht: Jetzt oder nie, Vollgas bis zur letzten Platte“, sagte Aigner, noch atemlos im Zielkorridor. Die weiße Unterhose blieb tatsächlich weiß, die Nerven glühten trotzdem.
Für den 20-Jährigen ist die Paralympics-Trilogie aus Abfahrt, Super-G und Riesentorlauf nur die halbe Miete. Mit fünf Golds seit Peking 2022 hat er Österreich schon jetzt zum besten Winterspiel-Alpin-Länder der Gegenwart gemacht. Die Geschwister-Aigner-Dynastie ist längst kein Geheimtipp mehr; sie ist ein Markenzeichen. Veronika holte gestern Silber im Slalom, Johannes könnte am Sonntag nachlegen – dann wären fünf Medaillen in einem einzigen Spiele-Zyklus drin, eine Marke, die zuvor nur Kanadas Skilegenden je erreichten.

Die maschine heißt hausboot
Hinter dem Erfolg steckt ein System. Haberl und Aigner nennen sich selbst ironisch „Hausboot-Crew“, weil sie sich auf dem Parkplatz in Sölden ein altes Wohnmobil teilen, um zwischen den Rennen Videostudium und Mentaltraining zu machen. Jede Kurve wird vorher 3-D-gescannt, jede Schneetemperatur protokolliert. „Wir fahren nicht auf gut Glück, wir fahren auf Daten“, sagt Haberl. Die 0,34 Sekunden sind kein Zufall, sondern das Produkt von 47 Trainingsläufen auf Originalpisten, die das ÖSV-Team vorab in Südtirol anmietete.
Die Konkurrenz schaut nicht nur neidisch, sondern ratlos. Bertagnolli gab nach dem Rennen zu, dass er „alles rausgeholt“ habe und trotzdem keine Antwort auf Aigners Speed fand. Die deutsche Delegation sprach intern von „einer neuen Ära“, die jetzt beginne. Tatsache ist: Aigner ist 20, also jünger als manch ein Skihersteller-Testskifahrer, und bereits auf Augenhöhe mit den absoluten Besten der Welt. Die Paralympics verlieren das Image des Ausnahme-Cups; sie bekommen einen Superstar, der jedes alpine Maßband sprengt.
Österreichs Medaillenkonto steht bei 6-1-4 – bereits jetzt Rekordwinter für die Alpin-Truppe. Die restlichen zwei Tage in Cortina gelten als reine Bonus-Runden. Für Aigner ist die Messe aber noch nicht fertiggesungen. „Slalom ist mein Lieblingslauf, da will ich die Krone aufsetzen“, sagt er und grinst. Wenn er am Sonntag erneut ganz oben steht, wäre das nicht nur eine Medaille mehr, sondern die endgültige Versiegelung einer Legende, die gerade erst begonnen hat.
