Giugiaro weint: handbremse verschwindet – und mit ihr das gefühl fürs fahren
Die Handbremse ist tot. Kein Drama, kein Knarzen, kein Rattern – nur noch ein kleiner Knopf mit „P“. Giorgetto Giugiaro, der Mann, der Golf und Panda erfand, schaut zurück auf ein Stück Seelenmechanik, das gerade ausstirbt.
Ein kulturbruch in chrom und stahl
„Kultureller Wandel vor technischer Notwendigkeit“, sagt der 85-Jährige in Turin. Die Zahl ist gnadenlos: Über 90 % der Neuwagen in Europa kommen ohne mechanische Handbremse aus, stattdessen drückt ein Elektromotor die Backen zusammen – per Fingerklick. Die Folge: Mittelkonsole wird zum Designer-Tresor, Stauraum gewinnt, der Fahrer verliert.
Giugiaro erinnert sich an die Alfa Romeo Giulia GT, wo die chromblanke Hebel wie ein Degen neben dem Schaltheft lag. „Sie war Verlängerung des Arms, Vertrauter in der Kurve, Sicherheitsgurt für Drift-Filme.“ Heute regiert der EPB, elektronische Parkbremse, die beim Anfahren am Berg automatisch löst und dem Fahrer die letzte Chance nimmt, sich selbst zu beweisen.
Die Jüngeren kennen das Gefühl nicht mehr: Handfläche umschließt kühles Metall, Kraft schießt durch Gelenke, Heck bricht aus – kontrollierter Adrenalinstoß. Stattdessen: Software. Stattdessen: Komfort. Stattdessen: Langeweile.

Design-revolution auf kosten der seele
Giugiaro sieht den Vorteil, nennt ihn beim Namen: Platz, Ästhetik, Integration. Doch sein Blick wandert zum Boden, als hätte er einen Freund verloren. „Ein Kompromiss, der uns entmündigt“, sagt er leise. Die Handbremse war das letzte Bindeglied zwischen Mensch und Maschine, das noch Muskelkraft verlangte.
Die Zahlen der Verbände bestätigen den Exodus: 2024 waren es noch 8 % der neu zugelassenen Pkw in Deutschland mit mechanischer Hebelbremse, 2025 liegt der Wert bei 3 %. In zwei Jahren ist Null erreicht. Youngtimer-Fahrer horten Ersatzteile, Online-Preise für Alfa GT-Hebel steigen um 40 % – ein Markt für Nostalgie.
Giugiaro lacht kurz auf, aber es klingt wie ein Husten. „Wir bauen Autos, die für alle fahrbar sind, aber niemanden mehr berühren.“ Dann schlägt er mit der flachen Hand auf die Carbon-Mittelkonsole der elektrischen Sybilla, seines letzten Konzeptcars. Kein Knarzen. Kein Echo. Nur das leise Surren der Klimaanlage.
Die Handbremse ist tot. Lang lebe der Knopf. Und mit ihm die Erinnerung an eine Zeit, in der Fahren noch Arbeit war – und deshalb Glück.
