Houston, wir haben ein problem: fußball trifft nazi-tradition

Paraguay gegen Deutschland – das klingt wie ein harmloses Achtelfinale. Doch hinter dem Spiel schlummert ein dunkler Kapitel, das sich bis heute nicht in Museen oder Lehrbüchern verliert. Mehrere Städte im Herzen Südamerikas tragen heute die Spuren eines rassistischen Experiments und eines Diktators mit deutschen Wurzeln. Die Frage ist nicht, wer gewinnt, sondern wie viel Geschichte 90 Minuten tragen können.

Von nietzsches schwester zur arier-kolonie

Elisabeth Nietzsche setzte 1887 mit ihrem Mann Bernhard Förster in Asunción an. Ziel: eine „neue Germania“ im Urwald. Förster ritt zwei Jahre lang quer durch Paraguay, fand das Gelände und proklamierte: „Wir züchten die arische Rasse im südamerikanischen Wald.“ Die Kolonie besteht heute noch – 3.000 Einwohner, Straßenschilder auf Deutsch, aber kein Wort über die braune Vergangenheit. 2020 wurden dort Impfgegner aus Deutschland willkommen geheißen.

Die zweite Welle folgte unter Alfredo Stroessner, 1954 bis 1989 Diktator und Sohn deutscher Auswanderer. Er errichtete Städte wie Ciudad del Este – Geburtsort von Fabián Balbuena, Innenverteidiger der Albirroja. Stroessner ließ Josef Mengele und Eduard Roschmann verschwinden. Vermutlich hielt sich Mengele sogar in Nueva Germania auf. Die Straßen, die heute ins Stadion führen, wurden von NS-Verbrechern gepflastert.

Deutsche wurzeln im aktuellen kader

Deutsche wurzeln im aktuellen kader

Gabriel Avalos, Stürmer und Hoffnungsträger, stammt aus Hohenau, der ältesten deutschen Siedlung. Miguel Almirón wuchs im früheren „Barrio Presidente Stroessner“ auf, schlief bis 18 im selben Bett wie seine Mutter – neun Familienmitglieder, drei Zimmer. Seine Flügelläufe könnten morgen genau dort enden, wo deutsche Soldaten einst flüchteten.

300.000 Menschen deutscher Abstammung leben heute im Land, 6.000 sind deutsche Staatsbürger. Ihre Enkel stehen im Strafraum, ihre Urgroßväter im Archiv. Die Uhr tickt, das Erbe tickt lauter.

Stille vor dem anpfiff

Stille vor dem anpfiff

Kein deutsches Medium widmet der Verbindung mehr als einen Nebensatz. Kein paraguayischer Spieler wird vor dem Abpfiff über Nueva Germania sprechen. Doch der Ball rollt durch dieselbe Erde, die einst Försters Rassefantasien trug. Wenn das Stadiondach in Houston aufgeht, fliegen nicht nur Trikots, sondern auch Geister durch die Luft.

90 Minuten können Geschichte nicht tilgen. Sie reichen aber, um sie wieder sichtbar zu machen. Paraguay schlägt zurück oder Deutschland marschiert – beides klingt irgendwie falsch.