150 Jahre corriere della sera: mailand feiert sein journalistisches herz
Die Scala klingt nicht wie sonst von Arien, sondern von Applaus. Fünf Minuten lang. Dann noch einmal, als Sergio Mattarella hereinkommt. Der italienische Staatspräsident nimmt am Donnerstagvormittag in der Mailänder Oper Platz – und mit ihm die komplette politische Spitze des Landes. Grund: Corriere della Sera wird 150 Jahre alt. Kein Verlagshaus, sondern ein Stück italienische Demokratie feiert sich selbst.
Urbano cairo steht auf der bühne und seine stimme bricht
Der Präsident von RCS MediaGroup erinnert sich an den 5. März 1876, als Straßenverkäufer in der Scala-Piazza 15.000 Exemplare des allerersten Corriere absetzten – eine Zahl, die heute jede Tageszeitung für einen Erfolg halten würde. Cairo muss schlucken, als er von seinem Großvater Mario erzählt, der das Blatt „Seite für Seite verschlungen“ habe. „Ich war ein kleiner David“, sagt er, „aber mit einem großen Traum.“ Der lautet: dieses Erbe zu bewahren – gegen Feeds, Klicks und KI-Texte, die sich kaum noch von Fakten unterscheiden.
Die Logen sind voll. Ignazio La Russa, Lorenzo Fontana, Giuseppe Sala. Neben ihnen Manager, Botschafter, Chefredakteur Luciano Fontana. Der Blick in die Zukunft ist trotz des Festes kein gemütlicher. Algorithmen schreiben inzwischen halb Italien zu, und wer prüft, was wahr ist? Fontantwortet mit einem Satz, der wie ein Programm klingt: „Qualität ist kein Format, sie ist eine Entscheidung.“
Zwischen Bellini und Wagner erklingt das Inno d’Italia. Die Hymne wirkt wie ein Gegenentwurf zu den TikTok-Hashtags draußen. Draußen, wo die Zeitung längst nicht mehr nur Papier ist, sondern ein Netzwerk aus Podcasts, Apps, Daten – und Menschen, die noch recherchieren statt nur zu ranken.

Die zahlen hinter dem fest: 55 millionen kontakte im monat
Keiner spricht sie aus, aber sie schwebt durchs Foyer: Corriere erreicht heute digital mehr Italiener als jemals zuvor. Trotzdem wirkt der Jubel in der Scala wie eine Geste der Verteidigung. Wer sonst hätte die Macht, den Präsidenten der Republik in die Oper zu locken, wenn nicht ein Blatt, das seit fünf Generationen die Frühstückstische der Country bestimmt?
Nach zwei Stunden verlässt Mattarella den Bau. Draußen stehen noch Journalisten, die nicht herein kamen, und ein paar Touristen, die fragen, warum die Polizei so viele Straßen sperrt. Die Antwort steht auf jeder Titelseite am Kiosk gegenüber: „150 anni di verità“. Die Wahrheit mag altmodisch klingen, aber sie verkauft sich – zumindest heute – noch.
