Julian brandt feiert 300. bvb-spiel mit 47 sekunden häme

47 Sekunden. So kurz ist eine Ewigkeit. Julian Brandt stolperte gegen den Hamburger SV in die Kurve, schlug die Hände vors Gesicht und war schon wieder draußen – 300 Pflichtspiele für Borussia Dortmund, ein Jubiläum als Fehlstart. Die Uhr tickte nach 90 Minuten plus drei beim Stand von 3:2, Trainer Niko Kovac wollte den „Schwung“ nicht bremsen und schickte seinen Offensivspieler nur aufs Feld, weil der vierten Offiziellen Arm zitterte. Die Black-Yellow-Fans vor der Südtribüne sangen Brandts Namen, doch er bekam den Ball nicht einmal berührt.

Die Szene ist symptomatisch für eine Saison, in der Brandt zwischen Bank und Transfer steht. Sein Vertrag läuft aus, das Ende schon besiegelt. Kovac entschuldigte sich postwendend: „Das tut mir persönlich sehr weh und leid.“ Er hatte ihn eigentlich 20 Minuten früber bringen wollen, „aber das Spiel war ein einziges Ping-Pong“. In der Kabine applaudierte die Mannschaft trotzdem, Sportdirektor Sebastian Kehl klopfte ihm auf die Schulter: „300 Spiele für den BVB sind eine Hausnummer – ich habe ein paar mehr geschafft, aber trotzdem eine großartige Leistung.“

Der jubilar als statist – warum kovac sich trotzdem nicht ändert

Die Zahlen sprechen für Brandt: 49 Tore, 65 Vorlagen, zweimal Pokalsieger, einmal Meister. Doch die letzten Monate haben seine Rolle reduziert. Im 4-2-3-1 von Kovac ist die Zehn kaum mehr als halbrechter Achter, Brandt verteidigt tief, sprintet 70 Meter, um dann doch wieder abzubremsen. Gegen HSV stand Emre Can auf seiner Position, weil er in der Balleroberung sicherer ist. Kovac nennt das „Balance“, Brandt nennt es „Warten“.

Der Trainer will ihn in den verbleibenden sieben Partien „sehr viel mehr Zeit“ geben – ein Satz, der sich wie ein Trostgutschein anhört. Denn der Kader ist geplant, die Marschroute klar: Dortmund will jünger, schneller, robuster. Brandt, 29, passt ins Profil der alten Garde. Seine Entscheidung, nicht zu verlängern, war einvernehmlich, doch der Abschied verläuft holprig. „Was der Jule als Mensch an den Tag legt, ist einzigartig“, sagt Kovac. Es klingt wie ein Nachruf auf eine Epoche, die schon vorbei ist.

Der applaus war laut – aber die frage bleibt, wofür

Der applaus war laut – aber die frage bleibt, wofür

In den sozialen Kanälen spaltet sich die Meinung. Die einen feiern den loyalen Dienstleister, die anderen fragen, ob 47 Sekunden symbolisch für eine Transferpolitik stehen, die Stars verschenkt, ohne adäquat zu ersetzen. Brandt selbst schwieg nach dem Spiel, lief mit erhobenem Kopf durch den Mixed-Zone-Tunnel. Kein Wort des Grolls, nur ein kurzer Handshake mit Kovac. Er hat schon größere Bühnen betreten – Madrid, München, London – und weiß: Fußball vergisst schnell.

Die Tabelle zeigt Platz zwei, die Meisterschaft noch drin. Doch die emotionalen Brüche häufen sich. Ein Trainer, der sich entschuldigt, ein Spieler, der nicht spielt, ein Verein, der sich selbst neu erfindet. Julian Brandt wird seine 301. Minute, seinen 301. Einsatz bekommen – vermutlich. Ob sie reicht, um die 47 Sekunden zu übertönen, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Die Uhr läuft weiter, diesmal ohne ihn.