Italiens schiedsrichter-skandal: rocchi und gervasoni müssen sich morgen verantworten
Milano – Ein einziger Satz genügt, um die italienische Fußballwelt erneut zum Beben zu bringen: „Fatti i fatti tuoi.“ Sag’s leise, aber mit Nachdruck, und schon läuft das Spiel weiter – ob mit oder ohne Regelverstoß, das entscheiden dann andere. Genau diesen Vorwurf erhebt die Mailänder Staatsanwaltschaft gegen Andrea Gervasoni, den ehemaligen Referee und aktuellen VAR-Supervisor. Morgen um 11 Uhr betritt er die Kaserne der Guardia di Finanza, um sich zum ersten Mal zu verteidigen. Anwalt an seiner Seite, Ermittler vor sich – und die Öffentlichkeit im Nacken.
Der tag, an dem der tonbandfaden riss
Der Vorwurf: Salernitana–Modena vom 8. März 2025. Gervasoni soll per Handy mit dem Video-Schiedsrichter Nasca kommuniziert haben – ein klarer Verstoß gegen das isolierte VAR-Protokoll. Die Ermittler haben laut Informationen von La Repubblica Funkzellenabfragen und Whatsapp-Chats gesichert. Ob die Audio-Spur aus der VAR-Zentrale in Parma die Indizien stützt oder widerspricht, wird morgen deutlich. Denn der zuständige Staatsanwalt Ascione muss Gervasoni laut italienischer Strafprozessordnung alle Beweise vorlegen – und nur für dieses eine Spiel. Alles andere wäre ein Verfahrensfehler.
Doch die Justiz rollt mittlerweile einen größeren Stein auf. Fünf Beschuldigte stehen fest, darunter auch Gianluca Rocchi, Ex-Spitzenreferee und bis vor einer Woche Designator der Serie A. Ihm wirft man vor, am 2. April im Katakomben-Gang von San Siro die Einsätze von Colombo (Bologna–Inter) und Doveri (Inter–Milan, Coppa-Italia-Halbfinal-Rückspiel) vorab abgesprochen zu haben. Die Gesprächspartner sollen aus dem eigenen Umfeld stammen. Ein Handy-Ping, ein paar Schritte zu viel – mehr brauchten die Finanzieri, um die Ermittlung zu eröffnen.

Mourinho zückt den zeigefinger – ohne zu zeigen
Unterdessen schlenderte José Mourinho gestern Vormittag durch die Mailänder City. Offiziell war er für einen Sponsor-Termin da, doch die Mikrofone der Reporter interessierten sich nur für eines: den Skandal. „In Portugal sagt man: Ohne Feuer kein Rauch“, meinte der Roma-Coach mit einem halben Lächeln. „Aber ich werfe niemandem vor, bevor die Justiz spricht.“ Dann das Fazit: „Meine größten Kämpfe führte ich nie gegen einzelne Schiedsrichter, sondern gegen das System.“ Ein Satz, der prompt in den Nachrichtentickern landete – und der Kurve signalisierte: Mourinho weiß mehr, als er sagt.
Inter–roma: der phantom-elfmeter, der keine zwei wochen alt ist
Ein Blick zurück zum 20. April: Inter–Roma 0:1. In der 67. Minute zieht Ndicka Bisseck im Strafraum zu Boden. Assistenten-Referee Piccinini will auf den Monitor blicken, doch VAR Di Bello blockiert. „Fatti i fatti tuoi“, soll Gervasoni via Headset eingeworfen haben. Die Partie läuft weiter, Roma gewinnt. Ein Monat später ruderte Designator Rocchi in der RAI-Sendung „Open Var“ zurück: „Der Fouleinsatz war offensichtlich, meine Mitarbeiter haben einen Fehler gemacht.“ Für die Ermittler ist das ein Hinweis auf bewusste Manipulation, für die Liga ein Imageschaden, der sich nicht mehr kitten lässt.
Neuer mann, alte scharte: tommasi übernimmt
Um 12.27 Uhr gestern versandte der Ligaverband die erste offizielle Mail mit dem neuen Briefkopf: Dino Tommasi ist der neue Designator. In seiner Premieren-Pressekonferenz bei DAZN betonte der 46-Jährige: „Wir stehen geschlossen hinter Rocchi und Gervasoni, aber wir müssen weitermachen.“ Dann zeigte er Clips, stellte Fehler ein, korrigierte Entscheidungen – und stellte klar: „Carlos Augustos Arm war außer Körperkontur, Handspiel klar.“ Die Botschaft: Transparenz als neues Markenzeichen. Ob das reicht, um das Misstrauen der Fans zu besänftigen, wird sich in den nächsten Spieltagen zeigen.
Morgen wird die kartenlage offen auf dem tisch liegen
Die Anwälte der Beschuldigten pochen auf Akteneinsicht, die Medien auf Audio-Bänder, die Liga auf rasche Aufklärung. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Whatsapp-Cloud und VAR-Kabine. Nach Gervasonis Vernehmung entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob Anklage erhoben wird. Sollte der Vorwurf der sportlichen Betruges erhärtet werden, drohen bis zu drei Jahre Haft – und eine Serie-A-Erschütterung, die sich nicht mit einem simplen Freistoß regeln lässt. Die Uhr tickt. Um 11 Uhr schlägt sie zum ersten Mal für Andrea Gervasoni.
