Polzin zerfetzt eigene mannschaft: „das war unterirdisch“

Die Pressekonferenz dauerte 93 Sekunden, dann war Merlin Polzin plötzlich wieder verschwunden – aber die Worte bleiben hängen. „Scheiße“ nannte der HSV-Coach die Leistung seines Teams gegen RB Leipzig, „weit weg vom Limit“ und „verdient verloren“. Beim 1:2 im Volksparkstadion platzte dem 37-Jährigen der Kragen, und er zog rigorärst Selbstkritik mit.

Kein Ausreden-Parforceritt, kein „wir schauen nach vorn“. Polzin legte sich selbst auf das operative Messer: „Auch mit meiner Leistung bin ich nicht zufrieden.“ Er habe die Mannschaft falsch positioniert, zu passiv eingestellt. „Wir fangen immer bei uns Trainern an“, sagte er und klang dabei, als würde er sich selbst die Leviten lesen.

Erste heimpleite seit oktober – und gleich ein doppelpack gegen leverkusen

Die Zahlen hinter dem Frust: Nach sechs ungeschlagenen Partien rutschte der HSV auf Platz elf ab. Der Vorsprung auf den Relegationsrang schrumpft auf vier Punkte, ein Spiel ist mehr in der Hinterhand. Am Mittwoch kommt Bayer Leverkusen zum Nachholspiel (20.30 Uhr/Sky), am Samstag die Relegationsplatz-Truppe VfL Wolfsburg. Drei Tage, zwei Gegner, eine Saisonrichtung.

„Wir wollen den HSV in der Liga etablieren“, betonte Polzin, doch die Etablierung droht ins Stolpern zu geraten. Die Leipziger ließen den Hamburger Pressing-Wellen zerflossen wie Regen auf imprägniertem Goretex, lauerten auf Konter und trafen doppelt. Vorn kam nur ein Kopfballtreffer von Bakery Jatta heraus. Hinten spielte man sich mit zahmen Flanken die Kugel zu, statt sie mal scharf durch die Box zu schießen.

Die Stimmung im Block 19 kippte schon vor der Pause. 50 000 Zuschauer erlebten eine Elf ohne Biss, ohne Idee, ohne Antwort auf die Leipziger Ballstaffette. „Wir haben vergessen, wofür wir stehen“, sagte Kapitän Sebastian Schonlau. „Mut, Leidenschaft, Entschlossenheit – nichts davon war sichtbar.“

Tabelle lügt nicht: der abstand schmilzt, der atem wird kürzer

Tabelle lügt nicht: der abstand schmilzt, der atem wird kürzer

Der Blick auf die Tabelle ist momentan noch ein Beruhigungsmittel, aber kein Freifahrtschein. Wolfsburg (20 Punkte) wartet mit Revanche-Elan, Leverkusen wird ohne Europapokal-Druck antreten und kann spielerisch auftrumpfen. Der HSV muss sieben Punkte aus den nächsten drei Spielen holen, will die Saison nicht auf die letzten drei Matchdays vertagen.

Polzin kündigte Konsequenzen an: „Wir werden intern klare Ansagen machen, wer bereit ist, zu liefern, und wer nicht.“ Wer nicht laufe, wer nicht decke, wer denken statt handeln würde, fliege aus dem Kader. „Am Mittwoch wird sich zeigen, wer mitzieht. Die Tore verlangen nach Egoismus, aber nach dem richtigen: dem Sieg-Egoismus.“

Die Uhr tickt. Noch 180 Minuten bis Wolfsburg, noch neun Tage bis zur englischen Woche. Polzin hat keine Zeit für Schönrednerei. „Wir können jammern oder weitermachen – ich entscheide mich für Letzteres.“ Ob seine Mannschaft diese Entscheidung mitträgt, entscheidet sich im Volkspark, wenn Leverkusen anreist. Die Fans werden sich nicht zweimal bitten lassen, ihre Stimme zu erheben – und diese Stimme klang nach dem Abpfiff schon deutlich nach Weckruf.