Gabriela sabatini beweist: stil kennt kein rentenalter

56 Jahre nach ihrer Geburt und drei Jahrzehnte nach dem Wimbledon-Halbfinale flaniert Gabriela Sabatini durch Paris – und die Kameras ruckeln noch immer so, als stünde sie im Tiebreak. Die Argentinierin nahm die Lifetime-Award der Roland-Garros-Gala entgegen, doch das eigentliche Spektakel lief eine Stunde später auf den Treppenstufen des Musée d'Orsay ab: Haarband locker, Blazer fallen gelassen, ein Lächeln, das locker ein ganzes Stadion füllt.

Paris war nur der auftakt

Weil Promi-Events sie langweilen, verschwand Sabatini am nächsten Morgen Richtung Chamonix. Kein Bodyguard, kein Make-Up-Team, nur ein 12-Kilo-Rucksack und ihre alten Wilson-Schuhe, die sie seit 1997 nicht mehr auszieht. Dort, 2.300 Meter über dem Meeresspiegel, absolvierte sie eine 28-Kilometer-Wanderung – Zeit: 4:52 h, Höhenmeter: 1.400. Die Strava-Daten schickte sie an ihre Nichte, mehr nicht. „Ich brauche keine Likes, ich brauche Luft“, lautet ihr einziger Kommentar, wenn man nachfragt.

Die Zahlen sprechen trotzdem: 54 Trainingstage im Jahr, 1.800 km Radstrecke, 120 Stunden Kraftzirkel. Und das alles ohne Sponsorenvertrag, ohne Netflix-Doku, ohne Empörung auf Instagram. Stattdessen: 5-Uhr-Wecker, Haferbrei mit Banane, dann raus auf den Circuito Grande Patagonia, wo sie sich mit 22 Stundenkilometren quer über den Grat kämpft.

Essen ist kein rechenexempel

Essen ist kein rechenexempel

Keine Kalorien-Apps, keine Makro-Listen. Sabatinis Kochbuch ist ein Mix aus italienischer Großmutter und lokdem argentinischen Asado. „Wenn das Steak nicht brutzelt, wird mein Vater unruhig“, sagt sie und lacht über die eigene Spiegelei-These: „Eiweiß ist wichtig, aber das Gespräch beim Essen trainiert das Herz.“ Drei Gänge, zwei Gläser Malbec, danach ein Espresso – fertig. Ihr BMI: 20,7. Ihr Cholesterin: 124 mg/dl. Die Laborwerte liest sie einmal im Jahr, beim Patersöhnchen in Buenos Aires, der sie seit 1989 betreut.

Familie bleibt trainingspartner

Familie bleibt trainingspartner

Bruder Osvaldo paddelt nebenher, wenn sie auf dem Lago Nahuel Huapi das Kajak zieht; Nichte Carolina fungiert als Streckenposten, wenn sie um den Cerro Catedral joggt. „Wir verabreden uns per Post-it an der Haustür“, erzählt Carolina. „Keine WhatsApp-Gruppe, keine E-Mails. Wenn das Papier weg ist, ist das Training geplatzt.“ Disziplin durch Analogie – das klingt nach Marketing-Sprech, funktioniert aber seit 20 Jahren ohne Ausfall.

Die Trophäensammlung im Keller von Villa Devoto ist verstaubt, die US-Open-Pokale stehen zwischen alten Tennisschlägern und einem halb leergegessenen Mate-Becher. „Ich weiß nicht, wie viele Titel ich hatte“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. „15? 16? Ich zähle lieber Gipfel.“ Aktueller Stand: 47 Berge über 3.000 m, alle per Fuß, alle ohne Seilbahn.

Stil ist, wenn man trotzdem geht

Stil ist, wenn man trotzdem geht

Keine Kampagnen, keine Comeback-Gerüchte. Sabatinis einzige Regel: „Wenn du mich suchst, bin ich nicht da.“ Die französischen Modehäuser würden sie für Seidentücher buchen, die Tennisverbände für Hall-of-Fame-Galas. Sie sagt Nein, dreht sich um und schnallt sich die 15 Jahre alte Garmin-Uhr an. Nächstes Ziel: Camino de Santiago, 780 km, Start in zwei Wochen. Mit 6 kg Rucksack, ohne Presse, ohne Filter.

Während andere Legenden mit Netflix-Verträgen ihr Leben zerlegen, erfindet sich Sabatini gerade dadurch neu, dass sie es nicht tut. Ihr Körper ist ihr einziges Kapital – und der arbeitet noch immer auf Grand-Slam-Niveau. Wer sie auf dem Weg nach Finisterre trifft, sollte sich beeilen: In zwei Minuten ist sie schon wieder über den nächsten Hügel verschwunden, das rebellische Haar im Wind, das Lächeln im Gepäck. Manchmal reicht das für eine Ikone.