Füllkrug gewinnt derby, bleibt nagelsmann-problem
Niclas Füllkrug hat das Mailänder Derby gewonnen – und trotzdem verliert. 17 Minuten Spielzeit, keine Torchance, keine Antwort auf die Kernfrage: Wie will Bundestrainer Julian Nagelsmann einen Stürmer mit 73-Minuten-Schnitt zur WM mitnehmen?
Milan siegt, füllkrug steht am rand
San Siro bebte, 75.817 Zähler brüllten sich heiser. Pervis Estupinán schlenzte den Ball in der 35. Minute mit links in den Winkel, Inter-Keeper Yann Sommer streifte ihn nur mit den Fingerspitzen – 1:0, die Rossoneri schlagen die Nerazzurri zum dritten Mal in Folge ohne Gegentor. Die Statistik lügt nicht: Milan ist seit sieben Derbys ungeschlagen, Inter trotz Niederlage noch sieben Punkte vorn. Doch die Zahl, die Nagelsmann vor dem Notebook würgt, lautet: 17. So lange stand Füllkrug auf dem Platz.
Ein Joker, der keine Trumpfkarte zückt. Der 31-Jährige lief ein, als Inter bereits mit drei Stürmern drückte. Die Bälle segelten hoch, der Strafraum war ein Würfelbecher – genau das Terrain, auf dem sich Füllkrug in Bremen und Dortmund großgemacht hat. Doch Milan verteidigte tief, die Hereingaben prallten an den ausgewechselten Lautaro oder dem müden Thuram ab. Füllkrug berührte den Ball dreimal im gegnerischen Sechzehner, zweimal kontrollierte er ihn mit der Brust, einmal mit der Hacke – kein Schuss, kein Kopfball, kein Pass in die Gefahrenzone.

Die leih-statistik nagt am selbstvertrauen
Seit dem Winterwechsel von West Ham kam der Angreifer in zwölf Serie-A-Spielen nur einmal in der Startelf zum Zug. Ein Jokertor steht in der Spalte, dazu fünf Ballkontakte pro 90 Minuten Schnitt. Für einen Mann, der sich über Laufwege und Kopfballduelle kaputtläuft, ist das ein Offenbarungseid. Milan-Coach Sérgio Conceição begründet die Bank-Quote mit „taktischer Anpassung an den Gegner“. Übersetzt: Füllkrug passt nicht in das 4-3-3 mit schnellen Außenstürmern, er stört das pressingresistente Mittelfeld, er ist der Quadratstift im runden System.
Nagelsmann hatte ihn nach der Februar-Länderspielpause öffentlich auf die Finger geklopft: „Wir brauchen Spieler mit Rhythmus.“ Die Botschaft war klar: Ein Stürmer, der nur Kurzeinsätze sammelt, kann im Katar-Takt nicht mithalten. Nun droht das gleiche Szenario wie 2022, als Füllkrug als Joker zur WM fuhr und mit zwei Toren rettete – damals aber hatte er 15 Buden in der Bundesliga im Rücken. Heute zählt Milan die Minuten, nicht die Tore.
Am Dienstag steht das Coppa-Finale gegen Juventus an. Conceíçao kündigte Rotation an, doch die Stammspitze wird wohl wieder Rafael Leão bilden. Für Füllkrug bleibt die Rolle des Glücksritters – oder das Risiko, im Mai mit nur 180 Minuten in den Knochen in den Urlaub zu fahren, während Nagelsmann seine 26 Koffer packt. Die Uhr tickt. Die Tribüne ruft. Und das Derby war nur ein Sieg, kein Beweis.
