Füchse berlin tanzen auf dem vulkan: 29 spiele, null remis – das riskante glück der extreme

Null Komma null. Kein einziges Mal teilten sich die Füchse Berlin in dieser Saison die Punkte – und das in einer Liga, in der sich alle anderen schon viermal die Hand reichten. Die Konsequenz: Berlin ist das einzige Team ohne Unentschieden, aber auch nur drei Treffer von Platz zwei entfernt. Drei Treffer, die fehlen, weil sie lieber verlieren als remis spielen.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt – oder verliert eben

Am 26. Oktober klingelte der Ball 77 Sekunden vor Ende gegen Hamburg zum 38:39. Am 30. November setzte Lemgo den 33:34-Siegtreffer. Und am 11. Dezember traf Flensburg in letzter Sekunde zum 40:39. Dreimal hätte ein gezügelter Angriff, ein gehaltener Ball, ein geregelter Spielaufbau gereicht, um wenigstens einen Punkt mitzunehmen. Dreimal griffen die Füchse lieber nach dem ganz großen Fisch – und ertranken.

Die Zahlen sind verrückt: Kiel und Stuttgart fuhren schon acht Remis ein, Magdeburg zwei, Hamburg eins. Berlin? Eine dicke Null. Die Mannschaft von Trainer Jaron Siewert spielt nicht auf Sicherheit, sie spielt auf Entscheidung. Co-Trainer Max Rinderle formuliert es so: „Wir attackieren den Sieg, wir verteidigen nichts.“ Das klingt nach Heldenpathos, ist aber System. Je länger man den Ball durch die eigenen Reihen wirbelt, desto größer wird die Lücke. Die Füchse nutzen sie – oder fallen selbst hinein.

Die Kehrseite: Mit drei zusätzlichen Zählern stünden sie jetzt auf Rang zwei, nur fünf Punkte hinter Spitzenreiter Magdeburg. Stattdessen beträgt der Rückstand acht, bei noch fünf ausstehenden Spielen praktisch nicht mehr aufholbar. Die Meisterschaft ist so gut wie gelaufen, die Champions-League-Plätze aber noch lange nicht. Und genau darum geht es am Donnerstag (18.45 Uhr/Dyn) in Veszprem. Ein Unentschieden in Ungarn wäre für Berlin tatsächlich ein kleiner Sieg – so ironisch das klingt.

Mathias gidsel spielt kein schach, er spielt roulette

Mathias gidsel spielt kein schach, er spielt roulette

Welthandballer Mathias Gidsel trifft, wenn’s brennt. 114 Tore in 25 Liga-Einsätzen, Quote 77 Prozent. Aber er trifft auch, wenn’s nicht nötig wäre. Gegen Gummersbach war das 28:26 das engste Ergebnis der Saison. Zuvor zerlegten sie Kiel mit +7, Balingen mit +9, Lemgo mit +8. Die Füchse gewinnen groß oder verlieren knapp – Mittelmaß ist ihnen fremd. Das macht sie brandgefährlich für Gegner und nervenaufreibend für Fans.

Die DNA des Vereins verlangt Spektakel. Die Berliner spielen, als hätten sie den Zuschauer im Nacken, nicht die Tabelle im Kopf. Das ist befreiend, aber auch teuer. Jeder Punkt, den sie verschenken, könnte am Ende über Meisterschaft oder Viertelfinal-Aus entscheiden. Die Frage ist nicht, ob sie ihr System ändern. Die Frage ist, ob sie es überhaupt können. Denn wer einmal Roulette gespielt hat, findet Schach langweilig.

Am 6. Mai empfangen sie Veszprem in der Max-Schmeling-Halle. Dann wird sich zeigen, ob die Füchse ums Finale der Königsklasse zocken – oder erneut auf alles setzen. Eines ist sicher: Ein Remis würde niemandem auffallen, außer den Berlinern selbst.