Frauen in führung: der sport schläft noch
„Guten Morgen, Männer. Guten Morgen, Sabine.“ Mit diesem Satz fällt Julia Möhn den Bann, der über deutschen Vereinssitzungen liegt. 94 Prozent der Aufsichtsratssessel in Bundesliga-Klubs besetzen nach wie vor Männer – und selbst dort, wo Frauen sitzen, bleibt das Gefühl, nur geduldet zu sein.
Ein system, das sich selbst blockiert
Der DOSB nennt das „strukturelle Homogenität“. Gemeint ist: Wer nicht ins Raster passt, fliegt raus oder kommt gar nicht erst rein. Sitzungen am späten Abend, unbezahlte Überstunden, Netzwerken auf dem Golfplatz – alles Historie, die als Zukunft verkauft wird. Maike Stähler vom Projekt „Klischeefrei im Sport“ hat die Rechnung offen: „Wer sagt, ‚es hat immer funktioniert‘, meint meistens: Es hat Männern nicht geschadet.“
Die Folge ist ein Kahlschlag an Fachkraft. 17,5 Prozent der Vereine melden laut Sportentwicklungsbericht akuten Engpass beim Nachwuchs für Ehrenämter. Trotzdem wird weiter am patriarchalischen Steuerrad gedreht. Dabei wäre der Weg kein Geheimnis.

Rb leipzig und werder bremen zeigen, wie’s geht
Tatjana Haenni ist seit Dezember 2025 CEO in Leipzig – und macht damit nicht nur Schlagzeilen, sondern intern Fortbildungspflicht. Werder Bremen teilt Vorstandsposten neu auf, bietet Kinderbetreuung während der Sitzungen und veröffentlicht transparent, wie viele Stunden welche Position kostet. Ergebnis: Bewerbungen von Frauen verdreifacht. Eine Maßnahme, kein Wunder.
„Wir reden nicht mehr über Quoten, sondern über Qualifikation“, sagt Möhn. Ihr Zähler für die Saison 2025/26: 14 Frauen in 100 Top-Positionen – ein Plus von acht. Klingt wenig, ist aber ein Schritt, der sich wie ein Lauffeuer fortsetzen könnte, wenn andere Klubs mitmachen.

Der preis der untätigkeit
Verweigern sich Vereine, droht nicht nur Imageverlust. Sponsoren, die Diversität auf der Agenda haben, flöten Millionen um. Der DFL-Neujahrsempfang 2026 wurde von Geldgebern unter der Maßgabe ausgerichtet: „Kein Cent für Klubs ohne Frauen in Führung.“ Das hat gewirkt. Jetzt liegt der Ball bei den Amateuren.
Denn dort beginnt die Pipeline. Wer heute keine Frau als Jugendleiterin oder Kassenwartin hat, wird morgen keine im Präsidium finden. Die Lösung ist weder teuer noch kompliziert: Aufgaben teilen, Zeiten flexibilisieren, Sichtbarkeit schaffen. Alles andere ist Selbstblockade.
Der Sport steht vor einer einfachen Wahl: Er kann die Hälfte der Gesellschaft weiter ignorieren und sich wundern, warum Nachwuchs fehlt. Oder er beginnt endlich, Talente dort zu suchen, wo sie schon immer waren – nur nicht auf den roten Samtsesseln.
