Franziska koch schlägt marianne vos und reißt den pflasterstein für deutschland
Die letzten 200 Meter im Velodrom von Roubaix klangen wie ein Donnerhall. Franziska Koch jagte aus dem Windschatten, ließ Marianne Vos stehen und schrieb sich in einem Sprint, der Herz und Asphalt gleichermaßen zerdrückte, in die Geschichte ein. Erste Deutsche, die Paris–Roubaix Femmes gewinnt – und das mit gerade einmal 25 Jahren.
Das Rennen hatte sich 143,1 km zuvor zäh angefühlt, fast schon brutal. Kopfstein, Regenschauer, Pulverdampf. Koch verlor zwei Verstärkungsfahrerinnen, riss aber nie das Tempo raus. „Ich wusste, dass ich heute einfach fahren muss, bis die Beine qualmen“, sagte sie später, den fünf Kilo schweren Pflasterstein auf dem Schoß.
Ein tigersprung, der die königin entthront
Die Bilder zeigen den Moment: 60 km/h, Vos links, Koch rechts, dann dieser satte Bogen nach innen. „Als ich den Tigersprung gemacht habe, war alles leer um mich herum“, beschreibt sie den finalen Punch. Vos, dreimalige Weltmeisterin, hatte keine Antwort. Die Niederländerin schlug mit der Faust aufs Lenkerband – so deutlich hatte sie eine Niederlage lange nicht mehr eingestehen müssen.
Im Ziel wartete bereits Wout van Aert, der kurz zuvor bei den Männern gewonnen hatte. „Respekt, was für ein Rennen“, sagte er und klopfte Koch auf die Schulter. Auch Pauline Ferrand-Prévot, Tour-Siegerin und Dritte des Tages, fand klare Worte: „Franziska ist ein Monster – stark, clever, unbeirrbar.“
Die Zahmen sind von ihr gewohnt: Vizemeisterin im Zeitfahren, Helferin für Vollering in Flandern, Podest bei Strade Bianche. Doch Roubaix war der Befreiungsschlag. „Ich habe hier 2021 als Siebte angefangen zu träumen. Heute ist der Traum Stein geworden – wortwörtlich“, lacht sie.

Von mettmann auf die mythologie der pflasterwege
Die Geschichte beginnt in einer Radsportfamilie in Nordrhein-Westfalen. Vater Jörg fuhr noch auf Amateurniveu, Mutter Birgit organisierte Jugendrennen. Franziska bügelte als Kind über Waldwege, statt Hausaufgaben zu machen, und schraubte eigenständig Umwerfer gerade. Der Rest war Training, Leidenschaft, ein bisschen Mut. Kein TV-Hype, kein Nachwuchsleistungszentrum, nur Asphalt und Kopfstein.
Nun steht sie mit Josef Fischer (1896) und John Degenkolb (2015) im deutschen Roubaix-Register – als erste Frau. Der Pflasterstein kommt ins Wohnzimmer, „da, wo ich ihn sehen kann, wenn ich morgens Kaffee koche“. Sponsoren melden sich, Fans feiern sie auf den sozialen Kanälen, und die UCI-Weltrangliste wird nächste Woche ein neues Gesicht in den Top Ten haben.
Doch Pause? Fehlanzeige. Am Freitag geht es beim Pfeil von Brabant weiter, am Sonntag bei Amstel Gold Race. „Ich bin in der besten Form meiner Karriere, da darf nichts liegenbleiben“, sagt Koch. Und sie lächelt, als wüsste sie bereits, dass der Stein in Roubaix erst der Anfang war.
