Flüssiggas und erdgas: millionen italiener fahren längst anders

Während die Autoindustrie ihren Fokus fast manisch auf Elektroantriebe richtet, fahren auf Italiens Straßen still und leise über 3,9 Millionen Fahrzeuge mit Flüssiggas (LPG) oder Erdgas – und das ist keine Randnotiz, sondern eine Tatsache, die den gesamten Diskurs über die Mobilitätswende in ein anderes Licht rückt. Ich bin Angelika Klein, und diese Zahlen haben mich ehrlich gesagt überrascht.

Lpg: der stille gewinner an der zapfsäule

Der Preis sagt alles. 0,71 Euro pro Liter kostet LPG derzeit im italienischen Durchschnitt – verglichen mit 1,75 Euro für Benzin und sogar 1,87 Euro für Diesel, dessen Kurs nach dem Ausbruch des Iran-Konflikts deutlich anzog. Wer täglich pendelt, rechnet schnell: Das ist kein marginaler Unterschied, das ist eine andere Welt.

Die ACI-Daten für 2024 belegen, dass genau 3.153.648 Benzin-LPG-Fahrzeuge in Italien zugelassen sind – das entspricht 7,6 Prozent des gesamten nationalen Fahrzeugbestands. Im Jahr 2025 wurden 140.391 neue LPG-Fahrzeuge zugelassen, eine Zahl, die bemerkenswert nah an den Neuzulassungen von Dieselfahrzeugen liegt – die im selben Zeitraum um 46,2 Prozent einbrachen. Diesel stirbt. LPG nicht.

Dacia spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Der Sandero – meistverkauftes Auto Europas im vergangenen Jahr – ist in mehreren LPG-Versionen erhältlich. Renault hat bereits angekündigt, dass der neue Clio 2026 ebenfalls als Bifuel-Variante kommt. Das sind keine Nischenentscheidungen, das ist Marktstrategie.

Dazu kommt ein Netz von über 4.500 LPG-Tankstellen in ganz Italien. Keine Reichweitenangst, keine halbstündigen Ladepausen. Einfach tanken und weiterfahren – ein Argument, das viele Autofahrer offenbar nach wie vor überzeugt.

Was lpg kostet – und was es einem nimmt

Was lpg kostet – und was es einem nimmt

Die Kehrseite ist real, auch wenn sie mancher Händler gerne verschweigt. Der LPG-Tank muss gesetzlich alle 10 Jahre ausgetauscht werden, was je nach Tankgröße und Werkstatt zwischen 300 und 900 Euro kostet. Wer in einer Stadt mit Tiefgarage lebt, muss wissen: LPG-Fahrzeuge dürfen nur bis zur ersten Untergeschossebene parken. Und das Selbsttanken? In Italien fast unmöglich. Nachts, wenn kein autorisierter Mitarbeiter an der Zapfsäule steht, bleibt der Tank oft leer.

Der Kofferraum leidet ebenfalls – auch wenn Toroid-Tanks das Problem abgemildert haben. Wer viel transportiert, merkt den Unterschied.

Erdgas: eine tradition, die niemand mehr neu baut

Erdgas: eine tradition, die niemand mehr neu baut

Italiens Geschichte mit Erdgas als Kraftstoff reicht bis in die 1930er-Jahre zurück. Jahrzehntelang war das Land europäischer Vorreiter. Heute ist es das Land, in dem man kein einziges neues Erdgasauto mehr kaufen kann – zumindest nicht von einem der großen Hersteller. Die Neuzulassungen 2025 in dieser Kategorie: null. Kein Tippfehler.

Und trotzdem fahren noch 746.946 Benzin-Erdgas-Pkw auf Italiens Straßen. Dazu kommen 72.245 Erdgas-Lkw. Das ist kein toter Markt – das ist ein Markt im Wartezustand.

Der Preis liegt aktuell bei 1,47 Euro pro Kilogramm. Teurer als LPG, aber mit einem entscheidenden Vorteil: Ein Kilogramm Erdgas bringt ein Fahrzeug deutlich weiter als ein Liter Benzin. Der Wirkungsgrad ist schlicht höher. Wer viele Kilometer macht und in der richtigen Region wohnt – also vor allem in Emilia-Romagna, Venetien oder der Lombardei – fährt damit günstig.

Das Netz ist allerdings das eigentliche Problem. Nur noch rund 1.500 aktive Erdgas-Tankstellen sind in Italien in Betrieb, laut Ministerium für Unternehmen und Made in Italy. Im Süden und auf den Inseln gibt es teils empfindliche Lücken. Wer in Palermo oder Reggio Calabria wohnt, hat schlicht Pech.

Biomethan: der stille trumpf, den kaum jemand kennt

Biomethan: der stille trumpf, den kaum jemand kennt

Was viele nicht wissen: Die bestehende Erdgasflotte wird schrittweise mit Biomethan versorgt – einem Kraftstoff, der aus organischen Abfällen und landwirtschaftlicher Biomasse gewonnen wird. Die CO₂-Bilanz ist dabei erheblich besser als bei fossilem Erdgas, das ohnehin schon 20 Prozent weniger CO₂ ausstößt als Benzin und Feinstaub praktisch eliminiert. Bestehende Fahrzeuge müssen dafür nicht umgebaut werden. Das Netz absorbiert den Anteil still und ohne großes Aufsehen.

Das ist die Ironie dieser Geschichte: Während die Industrie Milliarden in neue Elektroarchitekturen steckt, wird die alte Erdgasflotte durch Biomethan leise grüner – ohne eine einzige Neuzulassung.

LPG wächst. Erdgas altert, aber würdevoll. Und die über drei Millionen Fahrzeuge, die täglich mit Gas durch Italien rollen, interessieren sich herzlich wenig für die Debatten auf den Automobilmessen.