Florian wirtz bricht sein schweigen: „die ersten wochen in liverpool waren ein einziger nebel“
125 Millionen Euro Ablöse, neun Scorerpunkte – die Bilanz des 23-Jährigen liest sich wie ein Befund. Doch hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich eine Saison, die ihn reifen ließ wie ein früh gelesenes Buch.
Florian Wirtz spricht erstmals offen über den Schatten, der seine Premieren-Kampagne in der Premier League überschattete. Wenige Tage nach seiner Ankunft auf der Insel riss ein Tweet die Welt des FC Liverpool entzwei: Diogo Jota, 28, Kult-Knipser, Lebenslustiger, Vater zweier Kinder – tot auf einer spanischen Landstraße. „Ich kannte ihn nicht, aber ich spürte sofort, dass ein Teil der Kabine für immer fehlen würde“, sagt Wirtz im Interview mit ‚The Athletic‘.
Die lautlose last der trauer
Statt sich in Taktik und Tempo einzuarbeiten, lief der Deutsche durch Flure, in denen jedes Gespräch mit einem Seufzer endete. Die Sommervorbereitung? Ein einziger Abklatsch von Routine. „Wenn du neu bist und plötzlich siehst, wie selbst die Maschinenmänner weinen, weißt du: Hier geht es nicht ums Spiel.“ Wirtz‘ Antwort war schlicht: anbieten, zuhören, ablenken. Kein einziges Mal beschwerte er sich, dass seine eigene Umstellung auf englisches Tempo hinten runter fiel.
Die Statistik nagte trotzdem. Bis Ende Dezember stand er ohne Tor da, die Boulevard-Presse schob seine Ablösesumme in jeden zweiten Satz. „Du versuchst zu schlafen, aber die Zahl rollt wie ein Streifenwalzen-LKW durch den Kopf“, gibt er zu. Der Knoten platzte am Boxing Day: 2:1 gegen Wolverhampton, 73. Minute, halbrechts – sein erster Premier-League-Treffer. „Plötzlich war das Tor nicht mehr ein Monster, sondern nur noch ein Tor. Ich habe gedacht: Gut, jetzt können wir weitermachen.“

Wm statt wunderheiler
Mit neun Punkten aus sieben Partien nach der Winterpause schob sich Wirtz in die rechte Spur, doch die Saison war längst verspielt. Liverpool landete außerhalb der Champions-League-Plätze, Wirtz außerhalb der deutschen Diskussion um Weltklasse-Spielmacher. „Ich bin nicht hier, um Trauertherapeut zu spielen“, sagt er knapp, „aber ich habe gelernt, dass Fußball manchmal einfach nur ein Ablenkungsmanöver ist.“
Die nächste Bühne wartet: Katar, Nationalmannschaft, Turnier, das nach dem Gruppen-Aus 2022 unter Zugzwang steht. „Wir haben einen Kader, der zornig ist. Zorn kann brandaktuelles Turbo-Benzin sein“, erklärt er und lehnt sich verschmitzt zurück. Favorit? „Wer sich selbst zum Favoriten erklärt, verliert meist gegen sich selbst.“
Die Botschaft ist klar: Wirtz hat die Scherben seiner ersten Premier-League-Saison nicht weggewischt, sondern aufgehoben. „Ich weiß jetzt, dass 125 Millionen kein Schutzschild gegen Realität sind.“ Stattdessen wirkt der Junge aus Pulheim wie jemand, der nach einem Sturz aufsteht und feststellt: der Boden ist härter, aber er trägt. Ob er in Liverpool jemals den Erwartungen wird gerecht werden können? Die Antwort lautet: Er muss es nicht. Er muss nur Tore machen – und das Leben derer, die ihm zuhösen, ein kleines Stück leichter machen. Der Rest ist Statistik. Und Statistiken kann man ändern.
