Flensburg jagt platz zwei, leipzig kämpft ums überleben

18.45 Uhr, Flens-Arena. Die Lichter brenzen, die Nordkurve brüllt, und auf dem Parkett stehen zwei Teams, die kaum unterschiedlicher nicht sein könnten. Die SG Flensburg-Handewitt will mit einem Sieg gegen den SC DHfK Leipzig die Tabellenspitze wieder attackieren – Leipzig braucht Punkte, um nicht wieder auf Rang 18 zu versinken.

Die lage: vier punkte luft, null toleranz

Die Zahlen sind gnadenlos. Vier Zähler trennen Leipzig von GWD Minden und dem rettenden Relegationsplatz. Ein Sieg in der Flensburger Festung würde den Abstand halbieren, aber: Noch nie gewann der SC DHfK in der norddeutschen Halle. 0:7 lautet die Bilanz, Torverhältnis 188:235. Frank Carstens, Leipziger Trainer, redet trotzdem nicht vom Unterfangen, sondern vom „Matchplan“. Sein Fokus: Tempogegenstoß nach Ballgewinn, schnelle Kreisbesetzung, wenig technische Fehler. „Wenn wir unsere Chancen nutzen, können wir die Abwehrreihen durcheinanderbringen“, sagt er. „Aber wir müssen jeden Ball verteidigen wie ein Einzelstück.“

Auf der Gegenseite schielt Ales Pajovic nicht nur auf den zweiten Platz. Der Flensburger Coach will Kontinuität. „Wir haben gegen Hamburg, Erlangen und Wetzlar alles unter Kontrolle gehabt, dann kamen die Schwankungen“, sagt er. „Heute will ich 60 Minuten sehen, nicht 45.“ Pajovic kennt Carstens noch aus Magdeburger Spielzeiten, als der heutige Leipziger Chef sein Coach war. Ein Lehrstück steht bevor.

Personalpoker: jakobsen und co. zurück

Personalpoker: jakobsen und co. zurück

Die SG kann wieder aufbieten, was sie in Montpellier vermisste. Emil Jakobsen, Simon Pytlick und Kevin Möller trainierten am Freitag durchgehend, Kent Robin Tönnesen steht nach Adduktorenproblemen ebenfalls bereit. „Wir haben wieder einen breiteren Kader und können die Belastung besser steuern“, sagt Pajovic. Für Leipzig kommt der Nachschub zu spät: Nationalspieler Christoph Steinert fällt mit Syndesmoseriss aus, Linksaußen Tobias Schimmelbauer laboriert an einer Schulterblockade. Carstens muss improvisieren, wird vermutlich mit einer Drei-Torschützen-Rotation arbeiten und Mittelmann Lukas Binder früher auf Linksaußen ziehen.

Die taktische Schlüsselduelle sind schnell benannt: Leipzigs Kreisläufer Jannik Kohlbacher gegen Flensburgs dänischen Rückraum-Motor Simon Pytlick. Kohlbacher muss mit frühem Ausrücken Pytlicks Wurfarm stören, gleichzeitig hinten sicherstellen, dass Golla und Jacobsen am Kreis keine Lücken finden. „Wenn wir den Kreis abdichten, müssen wir die Bälle aus dem Rückraum kontrollieren“, sagt Carstens. „Klingt simpel, ist aber die Quadratur des Kreises.“

Die stimmung: festung vs. notstand

Die stimmung: festung vs. notstand

Die Flensburger Fans erwarten kein Spiel, sie erwarten eine Demonstration. 5.200 Karten weg, die Halle wird kochen. Leipzig reist mit 250 Anhängern an, organisiert in zwei Bussen, dazu ein Dutzend Familienmitglieder der Kader. Sie wissen: Ein Punkt würde reichen, um die Abstiegsangst zu lindern. Aber die Statistik nagt. In 27 Auswärtsspielen gegen Flensburg holte Leipzig genau einen Zähler – ein 27:27 im Oktober 2018, danach sieben Niederlagen in Serie.

Um 21.30 Uhr ist Entscheidung. Entweder springt Flensburg auf Platz zwei und Leipzig rutscht auf 18 – oder die Sachsen schnuppern an der Rettung, während die SG den Anschluss an die Spitze verpasst. Für Pajovic gibt es kein Pardon: „Wir sind die bessere Mannschaft, und das werden wir beweisen.“ Für Carstens zählt nur die Einstellung: „Wenn wir kämpfen wie verrückt und trotzdem verlieren, kann ich mit der Niederlage leben. Aber nicht mit einer, bei der wir uns den Schwanz einziehen.“

Die Ampel auf Grün, der Ball rollt. 60 Minuten, die über Saisonziele und Können entscheiden – und vielleicht darüber, wer in drei Monaten noch in der Liga ist.