Fiorentina tanzt auf dem abstiegsseil – mitten im europacup-fieber
Florenz schielt nach vorn
und blickt gleichzeitig ängstlich zurück. Heute Abend empfangen die Viola im Franchi den polnischen Spitzenreiter Rakow Czestochowa zum Viertelfinal-Hinspiel der Conference League, doch auf der Rückseite des Spielplans lauert der Absturz in die Serie B.Länderspielpause? fehlanzeige
Trainer Vincenzo Italiano rotiert, weil er muss. Nach dem 1:1 in Lecce droht dem siebtletzten der Tabelle ein weiterer Befreiungsschlag – nur dass der bis zum 12. März in Cremona auf sich warten lässt. Vorher also Europa, genauer: ein polnischer Prüfstein, der in der Gruppenphase Real Betis und Viktoria Pilsen hinter sich ließ.
Die Zahlen sind schonungslos: Seit 15. Oktober hat die Fiorentina nur zwei Ligaspiele gewonnen, kassierte dabei 23 Gegentore. Die Defensive wirkt wie ein offenes Tor in die Toskana. Im Pokal glänzt dagegen ein Cristiano Biraghi mit Vorlagen, im Ligaalltag verliert dieselbe Mannschaft die Orientierung. Das Dilemma: Wer soll heute geschont werden, wenn am Montag in Cremona die Saison endgültig kippen könnte?
Rakow kommt ohne stars – mit system
Trainer Marek Tomczyk setzt auf eine 3-4-3-Pressingmaschine, angetrieben von Mittelfeldanker Patryk Makuch. Der 23-Jährige erzielte in der Quali drei Treffer, erntete europaweit mehr Zweikampfprozente als Declan Rice. Für Florenz könnte er zur personifizierten Warnung werden.
Italiano antwortet mit Jugend. Der 19-jährige Mattia Fazzini ist kein Geheimtipp mehr, sondern Notlösung und Hoffnungsträger zugleich. Gemeinsam mit dem aufstrebenden Marco Comuzzo bildet er eine Innenverteidigung, die noch kein einziges Mal in der Serie A gestanden hat. Die Message: Risiko ist alternativlos.
Die Rechnung geht so: Ein Erfolg heute entlastet, verschafft Atem für Cremona und schiebt Preisgelder von mindestens 1,2 Millionen Euro auf das ohnehin klammen Konto. Bleibt nur die Frage, ob das mentale Konto die Belastung überhaupt noch zulässt.
Der countdown tickt laut
Die Curva Fiesole wird trotz Furcht wieder schwarz-rot gefärbt sein. Die Choreografie steht, die Stimmung bröckelt. Denn die Fans wissen: Verliert Florenz den Anschluss an das sichere Mittelfeld, droht eine Saison, die sich selbst frisst. Europa League als Trostpreis? Illusion. Erst rettet die Serie A die Europacup-Träume, nicht umgekehrt.
Um 21:00 geht’s los, Sky überträgt. Die Statistik spricht für die Hausherren: Noch nie schied ein italienischer Klub gegen einen polnischen Gegner in einem K.-o.-Wettbewerb aus. Die Realität spricht von Erschöpfung. Drei Tage Erholung nach Cremonees Eiseskälte – das ist kein Zeitplan, das ist ein Wettlauf gegen die Uhr.
Am Ende zählt nur eins: Punkte. Ob in der Tabelle oder im Europacup – sie retten Jobs, Planstellen und vielleicht sogar das Gesicht des Vereins. Die Fiorentina muss heute gewinnen, um am Montag nicht zu verlieren. Ein Doppelleben, das nur eine Richtung kennt: nach vorne – oder ab in die zweite Liga.
