Felix neureuther schlägt zurück: tv-teams filmten lindsey vonns schmerz wie eine actionszene
Die Kameras liefen, der Ton war aufgedreht – und mitten im Bild: Lindsey Vonn, am Boden, mit gebrochenem Unterschenkel. Felix Neureuther hatte sofort die Faust im Sack. „Das war kein Sport, das war Voyeurismus“, sagt er im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. Der Ex-Ski-Star fordert: Sofortige Richtlinien für Live-Bilder bei schweren Verletzungen.
Warum der regisseur die schreie nicht einfach stumm schaltete
8. Februar, Cortina d’Ampezzo. Vonn rutscht nach Außen, das Bein knickt ein, 1,3 Milliarden Menschen hören den Knall und den anschließenden Schrei. Die Welt-Regie schaltet nicht um. Stattdessen zoomt die Kamera aufs Gesicht, dann auf das verrenkte Bein, dann wieder aufs Gesicht. Neureuther schaute im Hotelzimmer, schaltete ab. „Ich kenne Lindsey seit Juniorenzeiten. Das war wie einem Freund zuzusehen, der vor einem überfahren wird – und niemand greift ein.“
Der 41-Jährige hat zwei Kinder. Seit seiner aktiven Zeit setzt er sich für sensiblere Berichterstattung ein. „Wir reden über Nachhaltigkeit, Diversität, aber vergessen, dass Sportler keine Crash-Test-Dummies sind.“ Die Quotenlage ist eindeutig: Bei Stürzen mit Verletzungsbild steigt die Einschaltquote laut AGF-Messung um durchschnittlich 34 Prozent. Ein Sendermanager, der anonym bleiben will, bestätigt: „Solange der Zuschauer nicht wegschaltet, wird weitergefilmt.“

Interne regelwerke existieren – aber nur auf papier
Die IOC-Medienrichtlinie verbietet seit PyeongChang 2018 „exzessive Wiederholung von Verletzungsbildern“. Doch das Dokument bleibt vage: Was heißt exzessiv? Wer entscheidet? Antwort: der jeweilige Regisseur. Er sitzt im OB-Van, unter Druck, Sekundenbruchteile, und klickt auf „Weiter“. Neureuther: „Das ist wie einem Fluglotse erlauben, ohne Radar zu landen.“
Bei Eurosport und der BBC gibt es sogenannte „Injury Delay Pools“ – Kameras, die absichtlich fünf Sekunden später senden. Doch auch dort entscheidet ein einzelner Cutter. Die Technik ist fertig, die Kontrolle fehlt.

Was jetzt passieren muss
Neureuther will ein Drei-Stufen-Modell: 1. Sofortiges Audio-Muting bei Schmerzaußerungen. 2. Verzicht auf Close-ups von verletzten Körperstellen. 3. Verpflichtende Rücksprache mit dem Sportler*innen-Verband, bevor Wiederholungen gesendet werden. „Das kostet keine Quote, das kostet Anstand.“
Die Reaktion der Anstalten war bisher verhalten. ARD und ZDF verwiesen auf „redaktionelle Freiheit“, Eurosport ließ eine Stellungnahme aus, die sich in zwei Sätzen selbst widerspricht. Dabei ist die Lösung simpel: Ein Taster, der den Regisseur erinnert – so wie die Zeitlupe-Taste, nur eben für Menschlichkeit.
Lindsey Vonn liegt noch immer in der Klinik in Vail, drei Operationen, ein Dutzend Schrauben. Sie postet Trainingsvideos aus dem Bett. Die Kommentarspalten darunter: 80 Prozent Herzchen-Emojis, 20 Prozent Sturz-Loop-GIFs. Neureuther schüttelt den Kopf. „Wir können über FAIR-Play schwadronieren, solange wir mit Blut Quoten kaschieren. Irgendwann sind wir selbst dran.“
