Ballack bricht sein schweigen: ‚verdrängung ist mein überleben‘

Michael Ballack weint nicht. Er spricht. Und das ist schon viel. Im ersten öffentlichen Gespräch über den Tod seines Sohnes Emilio zittert seine Stimme, aber die Worte sitzen. „Ich kann kaum über ihn reden. Die Emotionen sind ein Tsunami. Also verdränge ich.“

Der ehemalige DFB-Kapitän gibt dem Sender Sky einen Einblick, wie vier Jahre nach dem Quad-Unfall in Portugal die Trauer seinen Alltag organisiert. Emilio wurde 18. Die Familie schaltete auf Autopilot.

Arbeit, familie, atmen – so funktioniert die strategie

Ballack nennt kein großes Therapieprogramm, keine Klinik. Er nennt Terminkalender. Training der jüngeren Söhne, Analyse-Aufträge, Flugreisen zu Spieleinsätzen. „Wenn der Kopf voll ist, rutscht der Schmerz hintenrum in eine Box“, sagt er. Die Box öffnet sich nachts. Dann liege er wach, erzählt er, und rechne: drei Jahre, vier Monate, zwölf Tage.

Seine Ehefrage, die Söhne Louis und Jordi – sie alle hätten „Codes“ entwickelt. Kein langer Blick beim Abendbrot. Keine Fotos von Emilio im Flur. Die Erinnerung lebt in einem Raum, dessen Tür nur geburtstagsweise aufgeht.

Ballack über die frage der schuld: ‚die verstehe ich nicht mehr‘

Ballack über die frage der schuld: ‚die verstehe ich nicht mehr‘

Den Portugiesischen Behörden war der Unfall schnell klar: Kein Fremdverschulden, zu schnell, zu viel Sand. Dennoch fühlten sich Freunde anfangs nach Antworten. „Manche wollten wissen, warum ich ihn nicht aufgehalten habe. Ich höre diese Fragen nicht mehr. Die verstehe ich nicht mehr“, sagt Ballack. Er habe gelernt, dass Schuldzuweisung die zweite Trauer sei.

Für den 49-Jährigen gibt es nur eine Messlatte: „Wenn Louis und Jordi morgens lachen, war die Nacht gut.“

Warum er jetzt spricht – und was er nicht sagt

Ballack bestreitet nicht, dass die Aussage ein Teil seines Medienjobs ist. Sky produziert die Reihe „Meine Geschichte“, weil Ratings mit persönlichen Nährstoffen versorgt werden. Aber er verlangt keine Gefälligkeit. „Ich schulde niemandem ein Happy-End. Ich erzähle nur, wie der Weg ist, nicht wo er endet.“

Die Sendung läuft am Sonntag. Schon jetzt häufen sich Nachrichten von Eltern, die denselben Unfall in derselben Nacht erlebten. Ballack antwortet persönlich, manchmal mit nur einem Satz: „Weitermachen ist kein Verbrechen.“

Am Ende des Gesprächs fragt der Moderator, ob Emilio manchmal im Stadion bei ihm sitze. Ballack schaut in die Kamera, dann weg. „Er ist 18. Er würde jetzt Student sein. Und ja, er sitzt neben mir. Aber nur wenn wir gewinnen.“