Falscher goldanzug: jutta leerdams vermeintlicher triumph wird zur farce
195.000 Euro für einen Fake. Die Niederlande feiert Jutta Leerdams Gold-Coup von Mailand-Cortina, doch der versteigerte Wettkampfanzug war nie auf dem Eis von Italien. Der Skandal zieht Kreise – und entlarvt ein fragwürdiges Charity-System.
Der moment, als das ioc einknickte
Erst 14 Tage nach der Auktion rudert das niederländische Olympische Komitee zurück. Der „getragene Wettkampfanzug“ war lediglich ein Ersatz-Einteiler aus Leerdams Olympia-Koffer. Der echte Gold-Anzug, jener orange-blaue Sekunden-Overall, in dem sie in 1:13,19 Minuten die 1000-m-Bahn von Baselga di Pinè demolierte, hängt in einem Tresor in Utrecht. Die Begründung des NOCNSF klingt wie ein schlechter Scherz: „Verwechslung bei der Lager-Katalogisierung.“
Der anonyme Bieter – in Den Haag kurselt der Name eines Krypto-Investors – will trotzdem zahlen. Warum? Weil das Stück auch als „Fauxpas-Orange“ Geschichte geschrieben hat. Die 195.000 Euro fließen weiter in den Nachwuchs, doch der Imageschaden bleibt. Erst im Februar hatte Leerdam mit dem Verkauf ihre Heimat-Bahn in Pijnacker saniert, nun steht der Klub vor der Rückfrage: Wird der Betrag halbiert, wenn der Anzug nur „Olympisch“ statt „olympisch getragen“ ist?

Was die uhr des auktionators verrät
Die Auktion endete um 21:47 Uhr. Genau 47 Sekunden dauerte es, bis das erste Telegramm des NOCNSF eintraf – intern, natürlich. Laut Insidern war bereits vorher klar, dass zwei fast identische Anzüge in Utrecht lagern: einer mit Mikro-Perforation für 500 m, der andere mit Carbon-Panel für 1000 m. Die Versteigerungsmaschine lief aber schon. Stoppen war unmöglich, die Spendengelder waren verplant.
Leerdam selbst reagiert knapp auf Anfrage: „Ich hatte meine Medaillen, der Anzug war nur Stoff.“ Klingt lässig, doch ihre Sponsoren rechnen. Etihad und Nike hatten mit dem Gold-Outfit eine Kampagne für den arabischen Markt vorbereitet – plötzlich fehlt das Original. Die Agentur schaltet nach und spielt jetzt mit dem „Fake-Faktor“, um virale Reichweite zu ernten. Ein PR-Berater aus Amsterdam lacht bitter: „Warum echte Geschichte kaufen, wenn man die Lüge billiger promoten kann?“

Der preis der wahrheit
Die 195.000 Euro sind ein Tropfen auf den heißen Bahn-Platz. Der niederländische Eisschnelllauf-Verband kassierte in diesem Olympia-Zyklus 4,3 Millionen Euro an Auktionen – getragene Handschuhe, gesprayte Schlittschuhe, selbst der Wachs-Beutel von Beijjing 2022 ging für 8.700 Euro weg. Doch erstmals ist die Provenienz strittig. Sammler fordern ein unabhängiges Zertifikat, das IOC zögert. Die Folge: Preise für Olympia-Relikte stürzen auf Online-Marktplätzen um 18 %.
Und Leerdam? Sie trainiert weiter in Inzell, konzentriert sich auf die Weltcup-Saison 2027. Ihr Coach erzählt, dass sie den echten Gold-Anzug nie anfasst, „weil sie Angst hat, die Magie zu verlieren“. Stattdessen hängt er dunkel hinter Glas, beleuchtet wie ein Reliquium. Die Ironie: Der Fake ist jetzt berühmter als das Original – und bringt möglicherweise mehr Geld für den Nachwuchs. Denn wer will schon die Geschichte erzählen, dass er 195.000 Euro für ein Museumstück zahlte, das nie die Eisfläche berührte? Die Antwort lautet: alle.
