Ein jude erfand den totocalcio in der schweizer baracke – und veränderte italien für immer
Vor genau zwanzig Jahren starb Massimo Della Pergola. Kaum jemand kennt seinen Namen, jeder kennt seine Erfindung: die 1-X-2-Scheine, die Italiens Sonntagsträume seit 1946 befeuern. Die Idee reifte, während er im Internierungslager Pont de la Monge auf Matratzennummer 21915 lag – ein Reporter der Gazzetta, gejagt von den Rassengesetzen, geflohen aus Triest.

Die baracke als glücksfall
Dort, zwischen Lattenrost und Appell, bastelte er an einem System, das dem Fußball eine neue Sprache geben sollte. „1-2-3 wirkt wie ein Kinderzählen, A-B-C wie Schule“, sagte er später. Also blieb er bei den Ziffern, die wie Kreide klangen und doch nach mehr schrien. 1946 gründete er mit Fabio Jegher und Geo Nolo die Firma Sisal, erhielt vom CONI das Monopol für „Wettkämpfe mit Fußballprognosen“ – und schuf aus dem Schicksal ein Geschäft.
Die erste Spielrunde lief am 10. November 1946. Ein Tipp kostete 12 Lire, umgerechnet ein Espresso. 700 000 Italiener spielten mit. Ein halbes Jahrhundert später steckten sie jedes Wochenende 200 Milliarden Lire in die Raster. Das Lied „Sarà possibile“ von Adriano Celentano handelte vom Totocalcio, die Parolen der Politiker ebenso. Wer 1-X-2 sagte, sprach die Sprache des Landes.
Della Pergola selbst kehrte nie an die Oberfläche. Er blieb Redakteur, schrieb über Leichtathletik, ließ die Scheine laufen. „Ich wollte nur eine kleine Flucht aus dem Alltag bauen“, notierte er in einem Brief, „nicht ein zweites Leben erfinden.“ Die Wette ging daneben – und gewann jeden Sonntag aufs Neue.
Heute, zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, verzeichnet die Sisal 3,2 Milliarden Euro Jahresumsatz. Die Ziehung läuft digital, die 1-X-2-Taste sitzt im Smartphone. Doch die Logik bleibt dieselbe: eine Linie durch das Unvorhersehbare ziehen, als hätte das Leben einen Dreiweg. Della Pergolas Triumph ist nicht, dass er recht behielt, sondern dass niemals jemand beweisen kann, wie falsch er lag.
