Die wiege des deutschen fußballs liegt auf asphalt und wildwuchs

Wer heute über das Tempelhoher Feld flaniert, joggt zwischen Rotkohlbeeten und Windsurfern, ahnt kaum: Hier, auf staubigen Parzellen zwischen Baracken und provisorischen Toren, begann 1890 der erste organisierte Spielbetrieb des Kontinents. Kein Rasen, keine Tribüne – nur ein paar Idealisten, die einen Ball aus Leder stopften und damit ein Empire starteten.

Der erste echte rasen war beton

Daniel Küchenmeister reicht mir eine Aufnahme aus dem Jahr 1902. Richard Girulatis, Zipfelmütze, Turnhose, schmeißt einen runden Gegenstand zu einer Gruppe Arbeiter, die zwischen Flugzeugschuppen improvisieren. „Er nannte das Feld ‚die grüne Lunge Berlins‘“, sagt der Historiker, „obwohl es damals noch keine Grünfläche war.“ Girulatis schrieb das erste Fußball-Lehrbuch Deutschlands und prägte den Satz: „Elf Freunde müsst ihr sein.“ Er meinte damit echte Freunde, nicht Marketing-Freunde. Als 1933 die Braunhemden ihn für ihre Propaganda instrumentalisieren wollten, trat Girulatis zurück. Sein Name verschwand aus Lexika, der Ball rollte weiter.

Die Tempelhofer Pioniere spielten auf dem Gelände des ehemaligen Exerzierplatzes. Kein Rasen, dafür festgetretene Erde und die Geräusche der ersten Luftschiffe über den Köpfen. Die Teams trugen ihre Tore in Kneipen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg ein, bezahlten das Bier mit Cent-Beträgen und verfassten die ersten Regularien auf Bierdeckeln. Es war Proletensport, bevor das Wort Coolness erfunden war.

Berlin war damals silicon valley mit ball

Berlin war damals silicon valley mit ball

Küchenmeister zückt eine Karte und zeigt rote Punkte entlang der Ringbahn: BFC Germania, BTuFC Britannia, Union 92. „Vergleichen Sie das mit den Start-ups heute – nur dass die Gründer damals Stiefel statt Sneakers trugen.“ 1900 zählte der Deutsche Fußball-Bund gerade einmal 3.000 Mitglieder, heute sind es acht Millionen. Der Unterschied: Die ersten waren Enthusiasten, keine Markenbotschafter.

Die Stadt selbst war ein Brandbeschleuniger. Berlin wuchs in wenigen Jahrzehnten zur Metropole, Zentrum für Moderne und Kultur. „Wenn Sie 1905 durch die Friedrichstraße spazierten, trafen Sie an jeder Ecke Fußballer, die Taktik skizzierten“, lacht Küchenmeister. „Sogar die Polizei musste extra Patrouillen einsetzen, weil die Jungs die Straßen blockierten.“

Von der wiege zur diaspora

Von der wiege zur diaspora

1933 schlug die politische Keule zu. Berlin verlor seine Vorreiterrolle, die nationalsozialistische Macht übernahm Vereine, schmiss Juden raus, drückte Uniformen über Trikots. Der Ball wurde zur Waffe. Nach 1945 spaltete die Teilung das Spiel: West-Berlin kämpfte mit Infrastruktur, Ost-Berlin mit Ideologie. Erst nach der Wende kehrte langsam Leben zurück, doch der Mythos vom Tempelhofer Feld blieb.

„Wer heute die Route läuft, begreift, dass Probleme wie Kommerzialisierung, Auswanderung und politischer Missbrauch keine Erfindung der Moderne sind“, sagt Küchenmeister. „Die Pioniere kannten sie schon.“

Tipp für entdecker

Tipp für entdecker

Die Fußballroute Berlin bietet drei Touren, jederzeit ohne Anmeldung. Startpunkt Tempelhofer Feld, dann weiter zum Haus von Sepp Herberger und zur Alten Försterei. Infos unter fussballrouteberlin.de. Mitnehmen: Wasser, Neugier und eine Erinnerung daran, dass der erste Rasen aus Mut bestand – nicht aus Grün.