Deutschland jagt den fluch: 3.650 tage ohne sieg gegen dänemark
Am 17. Mai schlägt in der Kölner Lanxess-Arena der Ball auf – und mit ihm bröckelt vielleicht ein Fluch, der seit dem 29. Juni 2014 über der deutschen Handball-Nationalmannschaft lastet. Damals, im EM-Halbfinale von Kopenhagen, gewann Deutschland 27:26 gegen Dänemark. Seitdem wartet das DHB-Team auf den nächsten Erfolg gegen den Nordischen Dominator. 3.650 Tage. Zehn Jahre. Drei EM-Finalniederlagen. Zwei WM-Finalniederlagen. Ein Olympiakrimi, der 2024 mit Silber endete.
Jetzt kommt der Welt- und Europameister in die Domstadt – und bringt seine ganze Entourage mit: Mikkel Hansen ist zwar längst im Ruhestand, aber seine Erben Mathias Gidsel und Simon Pytlick schießen weiter wie aus dem Maschinengewehr. Deutschland? Trainer Alfred Gislason hat gerade seine 23-Kader-Liste für den Januar 2027 zusammengestellt, doch vorher muss er beweisen, dass seine jungen Wilden bereit sind, die Skandinavier zu ärgern.
Warum köln der perfekte schauplatz ist
Die Lanxess-Arena ist kein Zufall. 2007 krönte sich Deutschland hier zum Weltmeister – das war der letzte Titel überhaupt. 2027 wird sie wieder Hauptspielort der Heim-WM, diesmal mit 19.500 Fans in der Haupttribüne und einer Decibel-Kulisse, die selbst die dänischen Backen kurzzeitig taub machen kann. „Wir wollen diesen Ort wieder zur Festung machen“, sagt DHB-Vorstand Mark Schober, der sich mit dem Termin einiges einfallen ließ: Das Spiel fällt direkt in die Pfingstferien – perfekt für Familien, Straßenkarneval-Fans und alle, die schon mal testen wollen, wie laut „Zack! Zack!“ wirklich sein kann.
Die Tickets kosten zwischen 15 und 89 Euro, Vorverkauf startet heute um 10 Uhr. Der Onlineshop von Eventim meldet schon vorab 30.000 Voranmeldungen – ein neuer Rekord für ein Freundschaftsspiel. Zweimal Dänemark in vier Tagen: Am 15. Mai steigt in Kopenhagen die Generalprobe, dann reisen beide Teams an Rhein. Die Logistik ist ein Albtraum, die TV-Rechte ein Milliardengeschäft, die Nervosität auf beiden Seiten messbar.

Die statistik, die die deutschen spieler nachts wach hält
Seit dem letzten Sieg trafen beide Nationen 14-mal aufeinander – 13 Mal gewannen die Dänen, einmal trennte man sich 26:26. Die Tor-Differenz: 423:378. Das ist kein Rückstand, das ist eine Schneise. Besonders bitter: Die letzten fünf Duelle entschied Dänemark mit durchschnittlich 4,6 Toren für sich. Deutschland schafft es zwar, das Tempo hochzuziehen, doch in den letzten zehn Minuten fehlt die Killer-Instinkt. Gislason hat deshalb in der Länderspielpause extra Physiologen und Mentaltrainer ins Trainingslager nach Hamburg eingeladen – ein Novum.
Die jungen Talente wie Juri Knorr und Julian Köster sollen die alte Garde um Andreas Wolff entlasten. Dänemarks Trainer Nikolaj Jacobsen lacht das aus: „Wir lieben deutsche Druckphasen, weil wir wissen, dass sie nachlassen.“ Provokation? Fakt. Psychospiel? Natürlich. Aber es wirkt.

Was wirklich auf dem spiel steht
Die Heim-WM 2027 ist in 611 Tagen. Für die DHB-Marketingabteilung ist jedes verkaufte Ticket ein Testlauf für die Preisstruktur: Soll die Stehplatztribüne 25 oder 30 Euro kosten? Welche Logen sind nach dem Corona-Einbruch wieder ausverkauft? Und wie viele Dänen reisen mit, wenn es heißt: „Kommt, wir machen Köln blau-weiß“? Der Kölner Freundeskreis Handball rechnet mit 5.000 Gästen aus Skandinavien – und mit einem Wirtschaftsfaktor von 12 Millionen Euro für Hotellerie und Gastronomie.
Für die Spieler geht es um etwas Größeres: Ranking-Punkte für das olympische Qualifikationsturnier 2028. Ein Sieg gegen Dänemark würde Deutschland in der EHF-Liste von Platz 7 auf 5 springen lassen – und damit den Weg nach Los Angeles ebnen. Die ARD sicherte sich die TV-Rechte für 2,3 Millionen Euro – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass das letzte EM-Finale 4,89 Millionen Zuschauer lockte.

Der countdown läuft – und die angst vor dem 15. mai
In Kopenhagen wird es vor allem darum gehen, nicht zu verlieren. In Köln darf man nur gewinnen. Die deutsche Mannschaft landet am 16. Mai um 11:30 Uhr in Köln/Bonn – direkt ins Hyatt-Quartier, abgeriegelt wie eine Popband. Die Dänen? Die schlafen im Marriott, zwei Straßen weiter. Die Stadt wird zur Kulisse, der Rhein zur Grenze. Um 15:30 Uhr ist Anpfiff. Um 17:15 Uhr könnte der Fluch enden. Oder sich weiter in die Geschichtsbücher einbrennen.
Die Fans haben schon ihre Plakate vorbereitet: „10 Jahre sind genug“ steht auf einem, „Köln, wir kommen, um zu siegen“ auf dem anderen. Die Zahlen sprechen gegen Deutschland. Die Leidenschaft spricht für sie. Und die Lanxess-Arena? Die hat schon 2007 bewiesen, dass Statistiken nur Papier sind. Am 17. Mai wird das Papier neu bedruckt – mit Sieg oder weiterem Fluch. Die Uhr tickt. Der Ball wartet. Und Dänemark auch.
