Deutsche schützen verpassen anschluss an weltspitze – sendel nennt ursache

17 Nachlader, drei Strafrunden, ein einzelner Athlet dreimal im Kreis: Die Zahlen aus Otepää lesen sich wie ein Abschiedsbrief vom Weltniveau. Der deutsche Biathlon steht am Schießstand nicht nur neben, sondern hinter der Spitze – und Schießcoach Peter Sendel lüftet den Schleier über das, was ihn nachts wach hält.

Die Mixed-Staffel lieferte das vernichtende Bild. Single-Mixed: 17 Nachlader, drei Extrarunden. Klassische Mixed-Staffel: 18 Nachlader, vier Kreisel. Justus Strelow, sonst ein Ruhmesblatt, sprach nach dem Rennen von seinem „mit Abstand schlechtesten Tag“. Er war nicht allein. Selina Grotian, Julia Tannheimer, Janina Hettich-Walz – sie alle verpassten sich in entscheidenden Momenten die Scheibe, ließen Podestplätze liegen, die schon in der Tasche schienen.

Sendel verteidigt nachwuchshoffnungen

Sendel wehrt sich gegen pauschales Bashen. „Wir haben mit Vanessa Voigt und Justus Strelow die besten Schützen der Welt“, sagt er. Doch er räumt ein: Ein Teil des Kaders schwimmt noch in der Entwicklung. Besonders Grotian und Tannheimer schwebt in der Schutzschicht des Trainers. „Wenn ich eine Übung nicht 100 000 Mal im Training sitzen habe, fehlt mir das Selbstvertrauen.“ Das klingt nach Resignation, ist aber ein Appell: mehr Wiederholung, mehr Druck, mehr Wettkampf-Realität.

Der Blick über die Grenzen tut weh. Französische Athleten stellen sich vor die Scheibe, als gäbe es kein Morgen. Die Scheiben fallen, die Zeit läuft, die Köpfe bleiben kalt. Norwegen liefert sich selbst ein Katz-und-Maus-Spiel um die Pole-Position, ohne dass sich ein einzelner verschießt. Dort gewinnt immer jemand – und genau diese Selbstverständlichkeit vermissen die DSV-Adler.

Bei den Deutschen hingegen schleicht sich Respekt in den Fingerdruck. „Unsere Athleten haben sehr viel Respekt davor, vorbeizuschießen“, sagt Sendel. Respekt ist gut. Angst ist schlecht. Die Angst vor dem Fehler produziert Fehler. Die Extrarunde frisst Selbstbewusstsein, das Selbstbewusstsein frisst Extrarunden – ein Teufelskreis.

Geheimrezept: training als fake-olympia

Geheimrezept: training als fake-olympia

Die Lösung klingt banal: jede Trainingseinheit wie ein Olympia-Finale behandeln. „Das wird im kommenden Jahr das Ziel sein – dass man jedes Training als Wettkampf sieht“, so Sendel. Die mentale Frage entscheidet über Treffer und Versager. Wer im Training zu viele Fehler akzeptiert, zahlt am Sonntag mit der Kreisel-Runde. Wer sich fragt: „Was wäre, wenn das jetzt meine Olympiade wäre?“, schießt schneller, sicherer, entschlossener.

Die Bilanz des Winters ist ernüchternd: kein Einzelsieg, nur drei Podestplätze. Die letzte deutsche Kracher-Leistung liegt zurück, die nächste muss erarbeitet werden – mit Schweiß, mit Scheiben, mit Selbstgesprächen. Die Faszinierung des Sports bleibt, doch der Zauber kommt nicht von selbst. Er muss erzwungen werden, Schuss für Schuss, Training für Training. Wer diesen Winter verschlafen hat, kann den nächsten nicht gewinnen. Der Countdown läuft, die Scheiben sind geladen – und die Zeit läuft gegen Deutschland.