D'aversa zieht bilanz nach napoli-pleite: „die grätsche fehlte, nicht der mut“

Neapel schlägt Turin 2:1, und Roberto D'Aversa stapft mit schweren Schritten in den Mixed-Zone-Kanal. Die Haare vom Regen durchweicht, die Stimme rau wie nach 90 Minuten Schreien. „Wir haben ihnen den Schneid abgekauft, aber den entscheidenden Pass verpasst“, sagt er zu DAZN – und meint damit nicht nur das 1:2 durch Casadei in der 83. Minute, sondern die ganze Saison, in der Toro bei 30 Punkten stehen bleibt.

Das tor fiel, weil das mittelfeld zweimal zusah

Die Statistik ist gnadenlos: Neapel kam auf 16 Torschüsse, Turin auf 12. Doch die Expected Goals liegen bei 1,9 für die Azzurri – und nur bei 0,9 für die Granata. Die Lücke klafft nicht zwischen Talent und Taktik, sondern zwischen Abschluss und Abgebrühtheit. D'Aversa spricht es offen aus: „Vor dem 1:2 hatten wir die Riesenmöglichkeit. Dann steht plötzlich unser Sechser im Leeren, weil wir den zweiten Ball nicht sichern. Sowas kostet Punkte, kostet Platzierungen, kostet am Ende vielleicht Jobs.“

Die Kurve des Spiels zeigt ein typisches Toro-Muster: frühes Pressing, aber nach dem 0:1 (26.) bröckelt die Ordnung. Die Innenverteidigung rutscht zu tief, die Sechser-Position öffnet sich wie ein Kartenhaus. D'Aversa wechselt auf 3-5-2 um, bringe Gineitis für Schuhen – ein Schachzug, der kurz wirkt: Casadeis Anschlusstreffer (71.) gibt Hoffnung. Doch genau in dieser Phase verpasst Turin die Großchance zum Ausgleich. Ante Rebic scheitert aus sieben Metern an Meret, und wenig später folgt der Konter zum 2:1. „Wir müssen lernen, dass Durchsetzungsvermögen kein Zufall ist“, sagt D'Aversa. „Das ist Trainingsarbeit, Kopfarbeit, Frustrationsarbeit.“

30 Punkte nach 28 spielen – eine zahl, die sich wie ein brandmal liest

30 Punkte nach 28 spielen – eine zahl, die sich wie ein brandmal liest

Seit 15 Jahren hat Turin nicht mehr so schlecht gestanden. Die Fan-Plakate vor dem Stadion Maradona zeigen ein riesiges „30 = 0 Motivation“. D'Aversa sieht sie, sagt aber: „Die Jungs geben nicht auf. Aber Geben reicht nicht, wir müssen nehmen – die zweite Bälle, die Zweikämpfe, die Punkte.“ Die Tabelle lügt nicht: Mit 30 Zählern rangiert Turin auf Platz 14, nur drei Punkte über dem Strich. Die Rückrunde ist noch acht Spiele lang, das Restprogramm enthält Juventus, Milan und Atalanta. Die Rechnung ist simpel: Wer da nicht dreimal gewinnt, rutscht in den Sumpf.

Der Trainer spricht von „Kleinigkeiten“, meint aber: Es sind die großen Kleinigkeiten. Die Laufwege, die Abstimmung, die Entscheidung im Strafraum. Sportdirektor Davide Vagnati sitzt hinter mir, starrt auf sein Handy. Die Meldungen ticken: Verletzung von Perr Schuurs, Ablösegerüchte um van der Mersch. Die Luft wird dünner. D'Aversa weiß das. „Wir haben 15 Tage, um uns neu zu erfinden. Rom ist kein Tagwerk, aber wir müssen anfangen zu bauen“, sagt er und meint das Auswärtsspiel bei Lazio am 22. März. „Bis dahin zählen nur Taten, keine Worte.“

Die Nacht über Neapel ist schwarzrot, der Regen hat aufgehört. D'Aversa zieht die Kapuze tief ins Gesicht. „Wenn wir jetzt den Kopf in den Sand stecken, bekommen wir nie wieder Luft“, sagt er noch, dann ist er verschwunden. Die Saison ist nicht gerettet, aber sie ist auch nicht verloren. Sie steht auf dem Rasen – und auf dem Platz in den Köpfen. Dort entscheidet sich, ob Turin am Ende der Saison 40 Punkte holt – oder 20. Die Grätsche fehlte heute, nicht der Mut. Das ist kein Trost, sondern ein Arbeitsauftrag.