Dario wüthrich spielt weiter, während die lawine in ihm noch arbeitet

Am 23. Dezember 2024 schickt Sophie Hediger noch ein Selfie aus dem verschneiten Arosa. Fünf Stunden später begräbt eine Lawine ihre Zukunft – und damit auch die von Dario Wüthrich. Der 26-jährige Defender vom HC Ambri-Piotta steht zwei Tage später trotzdem vor 7.000 Leuten auf dem Eis. Die Frage, die sich niemand traut zu stellen: Warum tut er sich das an?

Ein körper, der spielt, während der kopf stillsteht

Wüthrichs Beine fahren die 60 Minuten durch wie auf Autopilot. Zwischen Bully und Drittelpause schaltet sich das Gedächtnis ein, 60 Sekunden Bilder, dann wieder Eis. „Ich habe keine Energie, jemandem die Story zu erklären“, sagt er heute. „Aber auf dem Rasen muss ich keine Worte finden.“ Das ist keine heldenhafte Rede, sondern reine Überlebensmechanik. Die Pavlovsche Reaktion eines Profis: Pucks statt Panik.

Die Hymne ‚La Montanara‘, die seine tote Freundin im Fanblock mitsingen würde, läuft vor Spielbeginn. 3 Minuten 12 Sekunden klingt es durch die Halle. In dieser Zeit schluckt Wüthrich 14-mal. Er hat es gezählt. „Danach war die Scheiße erst mal verdrängt“, sagt er rau. „Nicht weg. Verdrängt.“

Die zweite lawine trifft ihn im mai

Die zweite lawine trifft ihn im mai

Just als die erste Saison ohne Sophie endet, stirbt sein Psychologe Jörg Wetzel mit 54 Jahren. Ein Schlag ins Gesicht, diesmal nicht aus den Bergen, sondern aus der eigenen Infrastruktur. „Ich dachte, das Universum nimmt mir jetzt systematisch alle Halte“, sagt Wüthrich. „Erst meine Person, dann meine Person hinter der Person.“ Drei Wochen lang schreibt er sich nachts mit Tipp-Ex Sprüche auf die Schienbeinschoner: „Atme. Scheiße. Atme.“ Die Ausrüstungsmeister finden die Spuren, wischt sie aber nicht weg. Stille Solidarität.

Neue Zahlen vom Schweizerischen Lawinenforschungsinstitut zeigen: 2024 waren 97 Prozent der tödlichen Lawinenopfer Freerider. Die Statistik klingt kühl, bis man realisiert, dass eine davon Olympia-7. wurde und die andere jeden Tag Spaghetti kochte, weil sie Dario glaubte, wenn er sagte: „Du bist der bessere Sportler, ich bin nur der, der dafür bezahlt wird.“

Die 14. dezember-dialektik

Die 14. dezember-dialektik

Sophies Geburtstag. Ein Datum, das sich wie ein Stück Kreide durch sein Kalenderjahr zieht. 2025 verbringt er den Tag mit ihren Eltern in Horgen. Sie servieren ihren Kaffee in Sophies Becher, reden über Lawinenairbags, die sie nicht trug, und über die neue Plakette am Snowboard, die „100 Tage ohne Unfall“ zählt. Ironie der Marke: Sie endet auf 97.

„Ich bin froh, dass das Grab in Arosa liegt und nicht um die Ecke“, sagt er. „So muss ich die Grenze aktiv überschreiten, nicht ständig zufällig daran stoßen.“ Trotzdem fährt er fast jeden zweiten Monat die 167 Kilometer. Nicht, um zu beten. Sondern um zu checken, ob das Loch im Schnee noch so groß ist wie sein Leben danach. Antwort: Es schrumpft, aber es schließt sich nicht.

Scouts beobachten, dass er später reagiert

Scouts beobachten, dass er später reagiert

Videoanalysen des Klubs zeigen: Wüthrichs Check-Reaktion verzögert sich um durchschnittlich 0,18 Sekunden seit Dezember. Das klingt nach wenig, reicht aber, um 38 Prozent der Zweikämpfe zu verlieren, die er vorher dominierte. „Wir haben keinen Spieler mit reduziertem GPS-Wert, wir haben einen mit Loch im Seelen-GPS“, sagt Sportchef Luca Antignani. Deshalb verlängern die Tessiner den Vertrag trotz schlechterer Statistik – mit der Klausel, dass er jeden Montag frei bekommt, um nach Arosa zu fahren, ohne dass die Medien es als Heldendienst verkaufen.

Seine neue Freundin – es gibt keine, aber das Team ahnt, dass es bald eine geben könnte – muss mit der Tatsache leben, dass an manchen Tagen sein Blick kilometerweit in die Berge schweift, während er mit ihr Spaghetti isst. „Ich bin kein Witwer mit Halteverbot“, sagt er. „Aber ich bin auch kein Single mit sauberer Weste. Das ist der Mittelding-Mann. Das ist okay.“

Die saison 2025/26 beginnt ohne sophie, aber mit ihrem helm

Sein neues Visier trägt ein winziges S-Symbol, eingraviert mit der Fräse seines Schreiners Vaters. Kein Sponsor-Logo, kein Instagram-Post – nur ein Stempel für die Kabine. „Wenn ich mal wieder 14-mal schlucken muss, schaue ich nach unten und weiß: Sie schaut zurück, aber sie verlangt nichts“, sagt er. „Das ist meine Art von Happy End: keins. Aber ein Weiter.“

Statistik der Woche: In der National League haben 14 Spieler seit 2020 einen engen Verlust durch Unfall oder Suizid erlitten. Elf brachen weg, drei spielen noch. Wüthrich ist Nummer drei. Kein Happy End, wie gesagt. Aber ein Beweis, dass Eis nicht nur kalt macht – manchmal hält es auch warm.