Colbrelli packt aus: „ich konnte roubaix jahrelang nicht anschauen“
Sonny Colbrelli wird am Sonntag nicht im Fahrerfeld der 123. Paris–Roubaix stehen. Stattdessen sitzt der 36-Jährige auf der Blumeninsel Capri, lässt sich vom Wind des Golf von Neapel umtosen – und nickt, wenn er an den 2. Oktober 2021 denkt. An diesem Tag riss er als erster Italiener seit 22 Jahren den Klassiker am Himmel von Roubaix an sich. Ein Triumph, der sich binnen zwölf Monaten in einen Albtraum verwandelte: Kollaps auf dem Rad, Not-OP, Karriere-Ende. „Ich habe die Übertragung danach jahrelang gemieden“, sagt er. „Diesmal schaffe ich es.“
Die angst vor dem bild des eigenen glücks
Die Erinnerung ist ein Trickser. Sie spult die Bilder in Ultra-HD: das Fango von Orchies, den Sprint gegen Florian Vermeersch, das Pflasterstück in der Hand. Doch je klarer die Bilder wurden, desto lauter fragte sein Körper: Warum gerade ich? „Am Anfang dachte ich, ich bewältige das in ein paar Wochen“, erzählt Colbrelli, während seine Tochter Vittoria im Hintergrund italienische Vokabeln übt. „Stattdessen habe ich jeden Frühling das Smartphone weggelegt, wenn die Werbung für Roubaix lief.“ Erst 2024 wagte er den Blick zurück – und merkte, dass die Wunde nicht mehr blutet, sondern nur noch drückt.
Der Druck kommt nicht aus der Brust, sondern aus dem Kopf. „Ich sehe Van der Poel, Pogacar, Ganna – und spüre sofort: Ich will dabei sein.“ Stattdessen betreibt er in Salò einen Fahrradverleih, schraubt an E-Bikes von Touristen, führt Gruppen über den Gardasee. „Der Laden riecht nach Kettenspray und Kaffee. Das ersetzt keinen Arenberg, aber es riecht nach Leben.“

Van der poel vor pogacar – und warum ganna jetzt richtig liegt
Colbrellis Blick auf das Rennen ist frei von Romantik. „Van der Poel ist leichter Favorit“, sagt er. „Die Wellen von Roubaix liegen zwischen 220 und 280 Watt Durchschnitt – genau sein Terrain. Pogacar ist explosiver, aber die 55 km/h im Velodrom nach 50 Sekunden Vollgas auf Carrefour de l’Arbre? Da zieht Mathieu den längeren.“
Filippo Ganna nennt er den „geheimen dritten Mann“. „Gewinnen in Flandern war seine mentale Schallplatte. Er hat gelernt, dass man in Belgien nicht nur die Beine, sondern auch das Pech schlagen muss.“ Die Attacke nach der Reifenpanne, das kaputte Lenkerband – und trotzdem durchgezogen. „Das war kein Ritt mehr, das war ein Statement. Wer so gewinnt, kann auch in Roubaix Geschichte schreiben.“

Der pokal steht im wasserpark – und das herz schlägt wieder
Das Original-Pflasterstück, die verschmierte Trikot, das Rad mit dem noch klebenden Flandern-Schlamm: alles steht im Aquagranda von Livigno, zwischen Rutschen und Thermalbecken. „Kinder rennen daran vorbei und fragen: ‚Papa, warum hängt da ein Stein an der Wand?‘ Dann erzähle ich von der Hölle des Nordens – und merke, dass ich lache.“
Ein Jahr nach dem Kollaps traf er Edoardo Bove, den AS-Roma-Profi, der nach einem Defibrillator-Eingriff wieder aufläuft. „Wir haben fünf Minuten gebraucht, um vom Herzen zur Seele zu wechseln. Er fragte: ‚Wie lange, bis du wieder ganz du warst?‘ Ich sagte: ‚Bis du wieder hoffst.‘ Heute gratuliere ich ihm zu jedem Spiel.“
2025 will Colbrelli eine U-23-Mannschaft gründen. „Kein Rettungsanker, kein Trostpreis. Ich will jungen Fahrern beibringen, dass Roubaix nicht nur ein Rennen ist, sondern ein Versprechen: Wenn du bereit bist, dich aufzugeben, wirst du unsterblich – und vielleicht auch glücklich.“
Am Sonntag schaltet er den Fernseher ein. Kein Wegschauen mehr. „Ich werde den Sprint im Velodrom sehen, den Jubel – und dann das Fenster öffnen, damit der Wind von Capri hereinkommt. Er riecht nach Salz, nach Meer, nach Zukunft. Und das reicht.“
