Ciccone trägt nach 150 etappen endlich rosa – und jagt jetzt vingegaard

Giulio Ciccone hat geschluchzt, die Maglia rosa geküsst und damit ein Foto geliefert, das morgen die Titelseiten beherrschen wird. Nach 150 Giro-Etappen, seit seinem Debüt 2016, schreibt der 31-jährige Abruzzese endlich sein eigenes Märchen. Dritter in Cosenza, erster im Klassement – und plötzlich ist die Frage erlaubt: Kann er dem Tour-de-France-Sieger Jonas Vingegaard auch im Giro Paroli bieten?

Die sekunde, als sein traum realität wurde

Willkommen in der Calabria, wo das Meer glitzert, die Straßen kochen und die Tifosi nur ein Wort rufen: Giulio! Ciccone rolle über die Zielaufschrift, hört das Rauschen, spürt das Gewicht der Geschichte. Elf Profijahre, drei Giro-Etappensiege, einmal blaues Trikot als bester Bergfahrer, zweimal Gelb in Frankreich – doch Rosa blieb ein Phantom. Bis gestern.

Die Zahlen sind schonungslos: 150 Etappen hat er beim Giro gedrückt, gekämpft, gestaunt. Dann reichten 4 h 58' 12'' auf der Messina-Cosenza-Etappe, um das Symbol des Supremo endlich zu berühren. Willkommen im Club der Ungeduldigen, die Geduld belohnt bekamen.

Ciccones plan: abruzzen als königsetappe

Ciccones plan: abruzzen als königsetappe

Was niemand erzählt: Die Strecke der nächsten Tage führt mitten durch seine Heimat. Blockhaus, Roccaraso, Campo Imperatore – jedes dieser Steigungen hat ihn als Jugendlicher auf dem MTB geformt. „Wenn ich die Rosa dort verteidige, ist es kein Zufall mehr, sondern eine Ansage“, sagte er kurz nach dem Ziel, die Stimme noch rau vom Salz der Tränen.

Sein Direktor sportif lacht nicht, als wir ihn fragen, ob Ciccone auch die Gesamtdistance halten kann. „Er schlägt sich mit Vingegaard und Almeida herum, wenn das Wetter kalt und die Steigungen steil werden. Giulios Problem war nie die Kraft, nur die Konstanz. Diesmal sitzt er bereits auf 1.380 Höhenmetern Vorsprung.“

Warum diese rosa anders riecht

Warum diese rosa anders riecht

Ciccones Vater betreibt eine kleine Fahrradwerkstatt in Chieti. Als Kind musste Giulio nach der Schule Ketten putzen, damit die Kundschaft zufrieden war. Er hasste den Geruch nach Öl – bis er begriff, dass daraus später der Duft von Freiheit wird. Gestern roch die Maglia rosa nach denselben Schmieresten, nur dass diesmal niemand sonst sie tragen wird.

Die Konkurrenz schläft trotzdem nicht. Vingegaard hat schon angekündigt, im Blockhaus-Anstieg 6,2 Watt pro Kilogramm zu verschießen. Für Ciccone bedeutet das: Er muss sich zwischen zwei Identitäten entscheiden – der Klassiker-Enthusiast, der explosiv gewinnt, oder der Rundfahrts-General, der auch mal 45 Minuten quält, ohne zu zögern.

Der countdown läuft

Der countdown läuft

Noch 1.146 Kilometer bis Verona. Die Statistik sagt, dass Fahrer über 30 nur selten ihre erste Grand-Tour-Führung in den Tod verteidigen. Ciccones Antwort: „Statistik schreibt man, indem man sie bricht.“ Dabei wirft er einen Blick auf die Berge, die sich am Horizont auftürmen. Dort wartet nicht nur die nächste Passhöhe, sondern vielleicht auch die Antwort auf die Frage, ob ein sympathischer Abruzzese das internationale Rampenlicht endlich entreißen kann.

Wenn er es schafft, steht Italien vor einem Sommer, in dem die Straßen wieder ein einziges Radrennen werden. Und sollte er scheitern, hat er trotzdem schon gewonnen: Denn wer nach 150 Etappen endlich Rosa trägt, beweist, dass Ausdauer nicht nur eine physische, sondern auch eine menschliche Tugend ist. Die nächsten Tage werden zeigen, ob diese Tugend reicht, um einen Dänen mit Tour-Siegel im Blick zu stoppen.