Chiappucci: 'balance statt besessenheit – das ist der schlüssel'

Alberto Fumi hat Claudio Chiappucci auf einer ungewöhnlichen Tour entdeckt: beim gemeinsamen Aufstieg auf die Gerbido-Steigung bei La Diabolica di Asti. Der charismatische Ex-Profi, bekannt als 'El Diablo', demonstrierte nicht nur seine unermüdliche Leidenschaft für den Radsport, sondern auch seine Überzeugung, dass es beim Sport um mehr als reine Siege geht.

Die balance zwischen instinkt und ratio

Chiappucci, der 1963 in Uboldo geboren wurde, betont, dass er auch heute noch mit Begeisterung an Wettkämpfen teilnimmt. “Manche denken, ich sei nur eine Attraktion, eine bloße Zutat für die gute Stimmung, aber ich will mitmachen, kämpfen. Ich bin noch in der Lage, wirklich zu fahren – das hilft, ein Gleichgewicht und Wohlbefinden zu finden.” Seine Karriere war geprägt von spektakulären Aktionen, wie dem Gewinn der Einzelzeitfahrt in Sestriere 1992, nachdem er bereits 60 Kilometer vor dem Ziel attackiert hatte. Er errang Siege bei Mailand-Sanremo und der Classica San Sebastián, sowie Erfolge bei Etappenrennen wie dem Giro del Trentino.

Doch Chiappucci legt Wert darauf, dass Siege nicht nur gezählt, sondern auch gewichtet werden müssen. “Qualität, Schwierigkeit und spezifisches Gewicht spielen eine Rolle. Die Statistiken sehen mich nicht unbedingt weit hinten, aber die Medien haben mich gerne als den italienischen Poulidor stilisiert – den ewigen Zweiten, der aber immer geliebt wird. Das kommt mir zugute. Vor allem im Publikum habe ich mehr zu gewinnen als jemand, der vielleicht ein paar Rennen mehr gewonnen hat, aber nicht meine Ausstrahlung besitzt – eine Eigenschaft, die man nicht mit Titeln erarbeitet.”

Die schattenseiten der modernen sportwelt

Die schattenseiten der modernen sportwelt

Chiappucci kritisiert die zunehmende Tendenz in der modernen Sportwelt, eine reine Leistungsdemonstration über das eigentliche sportliche Wachstum zu stellen. “Es gibt diese Art von falscher Leistung, eine Exhibition zur Selbstinszenierung. Eine Übertreibung in allem, was man tut. Ich suche stattdessen immer nach dem Gleichgewicht – Sport treiben, Wohlbefinden finden, emotionale Ergebnisse erzielen.” Er experimentiert mit Multisport-Aktivitäten wie Golf, Padel und Fußball, um sich auch in anderen Disziplinen zu beweisen und seine Reichweite zu erweitern. “Ein Radfahrer muss sich auch außerhalb seiner eigenen Welt bekannt geben, nicht in seiner eigenen Blase bleiben. Das hilft, Charisma und Persönlichkeit auszudrücken und neue Kontakte zu knüpfen.”

Chiappuccis Ratschlag an alle, die den Radsport mit Leidenschaft betreiben, ist klar: “Findet euer Gleichgewicht. Das gilt für das Radfahren und für das Leben. Sucht nicht nach etwas, nur weil es alle anderen tun, sondern findet euren eigenen Wert, wo andere nicht hinschauen, ohne euch zu verausgaben und wie alle zu werden.”

Die Geschichte von Claudio Chiappucci beweist: Es geht nicht nur um den Sieg, sondern um die Reise, die Leidenschaft und die unvergesslichen Momente, die den Sport so besonders machen. Und im Alter von 60 Jahren ist 'El Diablo' noch lange nicht am Ende seiner sportlichen Reise.