Chaos um platz vier: como vorne, atalanta zurück, roma trotz talfahrt noch drin
Die Serie A schmeißt die Playoff-Atmosphäre in den Normalbetrieb. Vier Spieltage vor Schluss hat Como mit 58 Punkten die besten Karten für die ChampionsLeague, doch die Lücke nach hinten ist winzig: Juventus kletterte nach dem 2:0 in Florenz auf 57 Zähler, Roma rangiert trotz siegloser Mini-Krise bei 54 – und plötzlich meldet sich auch Atalanta mit 50 Punkten und zwei Nachholpartien im Rücken lautstark zurück.
Spalletti denkt laut über neuanfang nach
Luciano Spalletti schaut nicht nur auf die Tabelle, er schaut durch sie hindurch. „Wir bauen nicht nur für dieses Jahr, wir bauen für drei, vier Jahre“, sagte der Nationalcoach nach der 0:1-Pleite gegen Parma und ließ damit durchblicken: Selbst wenn Como den vierten Platz halten sollte, wird der Kader im Sommer kräftig durchgemischt. Die Leihe von Andrea Belotti läuft aus, Patrick Cutrone will keine Reservistenrolle mehr spielen. Spalletti verlangt Profil, nicht nur Punkte.
Die nächste Woche könnte alles über den Haufen werfen. Am Sonntag empfängt Como den bereits feststehenden Meister Inter – ein Unentschieden würde reichen, um die Nerazzurri vorzeitig mit Sektkörben zu überziehen und gleichzeitig die Verfolger nervös werden zu lassen. Denn am Abend zuvor gastiert Juventus in Bergamo. Gewinnt Gasperinis Atalanta, schrumpft der Rückstand auf Rang vier auf einen Punkt, bei zwei Spielen weniger. Die Dea würde aus dem Koma erwachen, das sie nach der 0:3-Klatsche gegen Milan und der Pokal-Pleite gegen Fiorentina zuletzt umtrieb.

Roma reist nach verona mit dem messer zwischen den zähnen
Kein Sieg seit fünf Liga-Partien, nur zwei Tore in diesem Zeitraum – die Zahlen sind das eine, das Gesicht von Paulo Dybala das andere. Der Argentinier stapfte nach dem 0:0 gegen Udinese direkt in den Mixed-Zone-Tunnel, ohne ein Wort zu verlieren. Trainer Claudio Ranieri sprach von „einer kleinen Depression“ im Team, kassiert aber weiterhin Rückendeckung vom Präsidenten. Dan Friedkin flog eigens aus Texas ein, um im Trainingstempo mitzuschreien – ein Bild, das in Rom seit Jahren niemand gesehen hatte.
Das Restprogramm der Giallorossi ist alles andere thanatophob: Verona (Auswärts), Monza (Heim), Turin (Auswärts), Parma (Heim). Theoretisch zwölf Punkte, praktisch fragt sich jeder, ob diese Mannschaft überhaupt noch an einen Dreier glaubt. Die Quoten der Buchmacher sprechen eine deutliche Sprache: Für einen Einzug in die Königsklasse zahlt man auf Roma mittlerweile 6,50 – vor einem Monat lag die Quote noch bei 2,20.
Die Konstellation ist so verrückt, dass selbst Lazio mit 49 Punkten noch rechnerische Chancen besitzt. Sarri schwieg nach dem 1:1 in Cagliari nur müde lächelnd, als ihn ein Reporter fragte, ob er noch an Platz vier denke. „Denken ist kostenlos“, sagte er und steckte sich eine Kippe hinter das Ohr. Die Stadt Rom diskutiert nicht mehr über das Derby, sondern darüber, ob beide Vereine am Ende leer ausstehen könnten.
Die Wahrheit liegt auf dem Rasen – und der sagt: Noch hat keiner den vierten Platz „gestreift“, wie es in Mailand heißt. Como spielt sein erstes Jahr nach der Rückkehr in die Elite, Juventus ringt mit der Identitätsfrage nach der Rückkehr aus der Europa League, Roma mit dem Selbstwertgefühl. Und Atalanta? Die wartet nur darauf, dass die anderen stolpern, um dann mit dem typischen Gasperini-Sprint die Kurve zu kratzen. Wer am 1. Juni in der Atatürk-Olympiastadion stehen wird, entscheidet sich nicht in der Theorie, sondern in den 360 Minuten, die jetzt kommen. Die Serie A liefert das Drehbuch, die Akteure müssen nur noch ihre Linien lernen – und vergessen.
