Camilla herrem schlägt krebs und kehrt zurück – mit klasse und ohne netz

Die Handball-Welt hielt den Atem an, als Camilla Herrem im Juni ihre Brustkrebserkrankung öffentlich machte. Gestern stand die 39-Jährige auf der Bühne der norwegischen Gala „Frau des Jahres“ – nicht als Patientin, sondern als strahlende Gewinnerin. „Ich bin krebsfrei“, sagt sie. Punkt. Kein „aber“, kein „vielleicht“. Nur eine Tatsache, die sich wie ein Siebenmeter in die oberste Ecke schlägt.

Die rückkehr begann auf dem parkett, nicht auf der couch

Schon Anfang September lief Herrem wieder für Sola HK auf. Fünf Tage nach der letzten Chemotherapie. Keine PR-Show, kein Marketing-Trick – nur reine Spielsucht. Die Linksaußen zog in den Trainingsalltag ein, als hätte sie nur eine Grippe überstanden. Ihre Statistik seit dem Comeback: 17 Treffer in acht Spielen, 72 % Wurfquote. Zahlen, die selbst Gesunde neidisch machen.

Der Krebs hat ihre Laufbahn nicht gebremst, er hat sie neu kalibriert. „Ich missche keine Tragödie, ich missche Siege“, sagte sie nach dem ersten Pflichtspiel. Ihre Teamkolleginnen sprechen von einer „energetischen Bombe“, die Umkleidekabine sei seit Herrems Rückkehr lauter, hungriger. Der Klub löste sich prompt vom Hallensprecher, der nach ihrer Diagnose einen „geschmacklosen Spruch“ gedroppt hatte. Die Botschaft: Wer Camilla schadet, fliegt.

Preis auf dem podium, ball unter dem arm

Preis auf dem podium, ball unter dem arm

Bei der Gala in Oslo trug Herrem ein schlichtes schwarzes Kostüm, die Haare nach wie vor kurz – Reminiszenz an die Therapie. Auf die Frage, wie sie sich fühle, antwortete sie mit dem Humor einer Frau, die weiß, dass sie bereits im Viertelfinale des Lebens steht: „Ich bin nicht gut darin, mich unter Leute zu mischen, aber Tumore schon.“ Das Publikum lachte, dann applaudierte es stehend.

Der Arztbrief ist seit Dezember unterschrieben: keine Metastasen, keine Nachblutung. Trotzdem trainiert sie weiter, als gäbe es kein Morgen. Warum? „Weil ich kann“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Keine Heldensaga, kein Selfhelp-Marketing. Einfach ein Satz, der jeden Jogging-Anzug-Philosophen leise werden lässt.

Die Saison läuft, Sola HK steht auf Platz zwei, und Herrem ist wieder Teil der Nationalmannschafts-Standby-Liste. Thorir Hergeirsson, Bundestrainer Norwegens, lachte kürzlich in einem Interview: „Wenn Camilla anruft und sagt ‚Ich bin bereit‘, lege ich auf und buche den Flug.“ So funktioniert Legendenstatus: Er wartet, bis sie fertig ist – nicht umgekehrt.

Für die Sportwelt ist ihre Geschichte kein Aufhänger für Pink-Ribbon-Kampagnen, sondern ein Lehrstück über Spieldauer. Keine Sekunde war gestern, alles ist jetzt. Und jetzt heißt: Training um 7, Tochter zur Schule um 8, Mittagsschlag mit dem Physio, abends 60 Minuten Vollgas gegen Bukarest. Wer fragt, ob das gesund ist, bekommt die Antwort mit einem Check über den Kreis.

Die Liga geht weiter, der Krebs bleibt außerhalb der Linien. Camilla Herrem hat nicht überlebt – sie hat nachgelegt. Und wenn sie am Ende der Saison den Pokel hochreiht, wird niemand fragen, wie lange sie pausierte. Alle werden sich nur an den Moment erinnern, in dem sie auf dem Feld stand, ohne Netz und doppelten Boden. Manchmal genügt ein einzes „Ich bin krebsfrei“, um eine ganze Sportart zu beschämen, die sich sonst mit Milliarden-Transfers und PR-Geschichten zufriedengibt. Die Handball-Welt zitterte – nun jubelt sie, leise, aber mit erhobenem Daumen. Denn die stärkste Waffe auf dem Feld heißt nicht Wurfarm, sondern Wille. Herrem besitzt beides. Und sie wird beides nicht zurückgeben.