Bunting nach göttingen-pleite wütend: deutsche fans verderben darts-kracher

Die Pfeifkonzerte hallen noch nach. Als Stephen Bunting beim Stand von 5:5 in der Decider auf die Doppel 20 zielte, drehte sich die Stimmung in der Lokhalle von Minute zu Minute rauer. Sekunden später war der 40-jährige Brite draußen, Niko Springer jubelte – und ein paar Hundert Leute machten den Abend zur Schmierenkomödie.

Der Vorwurf kommt nicht von irgendwo. Er kommt vom Profi, der 2014 die BDO-WM holte und seit Jahren als einer der fairsten Akteure der Tour gilt. Bunting postierte sich noch in der Nacht auf Instagram, schrieb in Großbuchstaben, was ihm auf der Seele brennt: „Wer in entscheidenden Momenten pfeift, soll zum Fußball gehen.“ Der Kommentar war binnen einer Stunde tausendfach geteilt – und spaltet seither die Community.

Die minderheit, die alles überschattet

4.000 Zuschauer waren laut Veranstalter in der Halle, maximal vier Personen haben laut Moderator Philip Brzezinski die Stimmung ruiniert. Doch die Wucht ihrer Pfiffe reichte, um ein Topspiel zu kippen. Brzezinski sprach live vom Mikrofon einen Verhaltenskodex aus, der seinesgleichen sucht: „Diese vier Nasen sind hier nicht willkommen. Wir wollen das nicht haben. Punkt.“ Die Ansage wurde mit Applaus quittiert – und mit zusätzlichen Buhrufen, diesmal gegen Brzezinski selbst.

Was in Sekundenschnabe passierte, offenbart ein Problem, das sich seit Jahren durch die deutschen Stationen zieht. Luke Littler fliegt nur noch zu Pflichtterminen hierher, Gerwyn Price klagt regelmäßig über angebliche Beleidigungen, und auch Michael van Gerwen übte nach seinem Ausscheiden in Berlin scharfe Kritik. Die Rede ist von der „besten Fanszene der Tour“, doch die Realität liefert ein anderes Bild: eine laute Minderheit, die sich selbst zum Hauptdarsteller hochstilisiert.

Springer zwischen jubel und scham

Springer zwischen jubel und scham

Niko Springer profitierte vom Tumult, zugleich fühlte er sich beschämt. Der 25-jährige Hesse verwandelte den Matchdart, winkte kurz in die Runde und senkte sofort den Blick. „Was am Ende passiert ist, war Stephen gegenüber nicht fair“, sagte er unmittelbar nach dem Interview mit Brzezinski. Die Kamera zoomte auf seine Augen, sie wirkten glasig. Springer legte nach: „Ich habe mich ein bisschen geschämt.“ Der Satz ging viral – nicht wegen des Sieges, sondern wegen der Sportlichkeit, mit der er ihn einräumte.

Das Dilemma ist neu. Früher galten deutsche Hallen als familienfreundlich, als Ort, an dem Kinder Autogramme ergattern und Spieler nach dem Auftritt noch ein Selfie machen. Heute fürchten einige Profis den deutschen Terminkalender. Die PDC reagierte in der Vergangenheit mit verstärkter Security, Alkoholkontrollen und einem erweiterten Code of Conduct. Doch die Vorfälle häufen sich trotzdem.

Kurzfristige strafen, langfristige folgen

Kurzfristige strafen, langfristige folgen

Die Tour verhängte in der Nacht einArena-Verwarnungsverfahren. Das klingt nach Bürokratie, bedeutet aber: Kommt es erneut zu Pfeifattacken in entscheidenden Momenten, drohen der Halle Punktabzüge oder die Abziehung künftiger Events. Die Lokhalle Göttingen steht auf der Kippe – und damit auch die deutsche Darts-Blüte, die in den vergangenen Jahren ein Millionen-Business für Städte wie Hildesheim, München oder Leipzig war.

Bunting selbst wird die Statistik verfolgen. Er liebt Deutschland, betont es nach jedem Besuch, doch diesmal klang die Liebe schwer verletzt. „Ich jammere nie“, schrieb er, „aber heute tut es weh.“ Die Worte klingen nach Erschöpfung, nach dem Gefühl, dass Fairness und Respekt an manchen Abenden nur noch Schall und Rauch sind.

Die Cuvée aus Alkohol, Nervosität und Tribünenhoheit macht das Produkt Darts in Deutschland angreifbar. Die große Mehrheit feuert an, singt, tanzt, aber vier Pfeifer reichen, um eine ganze Branche in Verruf zu bringen. Die Tour wird reagieren müssen – mit Sanktionen, mit Ausweisungen, vielleicht auch mit Mikrofonen, die Spieler in kritischen Momenten besser abschirmen. Sonst bleibt von der Darts-Party nur ein fader Nachgeschmack, und die nächste Generation an Stars fliegt künftig mit Absagen ein.