Bronze im medaillenspiegel: italiens leichtathletik schlägt zurück – dank kulturrevolution

Kein Wunder, kein Glück. Italiens dritter Platz bei der Hallen-Weltmeisterschaft ist die Quittung für einen radikalen Neuanfang, den kaum jemand außerhalb der Stadien mitbekommen hat.

Der mann mit der zahnbürste

Antonio La Torre trat 2018 die Reise an – ohne Gepäck, nur mit einer elektrischen Zahnbürste im Handgepäck. Seitdem durchläuft der technische Direktor der Squadra Azzurra mehr Flughäfen als ein Pilot. Seine Mission: Daten statt Dogmen. Wer 10,30 Sekunden über 100 m läuft, bekommt Geld, Betreuung, Psychologen. Wer 10,31 läuft, eben nicht. Die Uhr entscheidet, nicht der Vorstand.

Stefano Mei, seit 2021 Präsident des Verbands, ließ das System stehen und schraubte nur am Etat. 4,5 Millionen Euro 2021, acht Millionen 2025. Die Summe steckt nicht in Prestigeprojekten, sondern in Reisekosten für Trainer. Jeder Fachbereichsleiter muss mindestens vier Mal im Jahr ins Ausland, um sich mit Kollegen zu treffen, Startlisten zu analysieren, Video-Software zu testen. „Wer zuhause bleibt, verliert“, lautet die Devise.

Die silberfolie im kopf

Die silberfolie im kopf

Der Kulturwandel wirkt wie Aluminiumfolie auf alten Zähnen: unangenehm, aber effektiv. Früher entschieden Regionalligisten, wer nach Rom zur Nationalmannschaft durfte. Heute entscheiden Millisekunden. Die Folge: Durchschnittsalter der Medaillengewinner in Glasgow: 23 Jahre. Drei von ihnen trainieren an Universitäten in den USA, bezahlt vom italienischen Staat, betreut von italischen Coaches via Zoom.

Loic Gasch, der Schweizer Stabhochsprung-Coach, flog im Januar nach Padua, um seine Aufzeichnungen zu teilen – und bekam dafür eine Business-Class-Karte nach Tokio bezahlt. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagt er. „Die Italiener kaufen Wissen, nicht Namen.“

Die nächste stufe

Die nächste stufe

Die Hallen-WM war nur der Probelauf. Draußen wartet der Sommer mit Olympia. Die Budgetkurve zeigt steil nach oben, doch La Torre bleibt kühl. „Wir haben gerade erst gelernt, wie man eine Spikes-Bürste richtig einpackt“, sagt er. Wer jetzt denkt, Italien habe sein Limit erreicht, unterschätzt die Kraft einer Uhr, die 0,00 Sekunden anzeigt – und die Tatsache, dass die Zahnbürsche bereits wieder im Koffer liegt.