Brasilien sucht heiß nach dem nächsten super-sturm – ancelotti testet wild
Die Selecao hat schon lange keinen Angriff mehr gesehen, der so rasant ist wie dieser – und trotzdem weiß noch keiner, wie er am Ende wirklich aussieht. Rodrygo fällt mit Kreuzbandriss aus, Neymar fehlt, Endrick kommt aus dem Exil zurück und ein Debütant namens Igor Thiago trägt plötzlich die 9. Carlo Ancelotti hat 48 Stunden, um aus 13 Bewerbern eine Startelf zu bauen.
Ein schlagloch reißt den plan auf
Rodrygo galt als Schweizer Taschenmesser: links, rechts, hängend, zentral – der Real-Madrid-Flexibelspieler beherrschte jede Position. Sein Ausfall zwingt Ancelotti, das Drehbuch neu zu schreiben. Links wird Vinícius fix gesetzt, rechts steht Raphinha, doch dahinter wird’s dunkel. Drei Trainingseinheiten, zwei Testspiele gegen Frankreich und Kroatien – das ist das komplette Casting.
Die Lösung könnte aus Lyon kommen. Endrick ballte in Frankreich die Faust: sechs Tore, fünf Vorlagen seit Januar. „Carlo sagte mir: ‚Geh, spiel dich frei, komm glücklich zurück‘“, erzählt der 19-Jährige. Ancelotti belohnt die Selbstbefreiung mit einem Ticket – und mit der Ansage, dass der ehemalige Madrid-Stürmer auch als Rechtsaußen einsatzbereit ist.

Der flügel, der keinen namen hat
Wenn Raphinha ins Zentrum rückt, wird der rechte Flügel zur offenen Bühne. Dort lauern Rayan vom FC Bournemouth und Luiz Henrique, der frühere Betis-Spieler. Rayan traf in seinem ersten Premier-League-Jahr dreimal per Kopf, zweimal mit links, einmal mit rechts – ein Powerpaket, das Ancelotti liebt: „Er ist diszipliniert, stark in der Luft und spielt mit Rage.“ Die Fans nennen ihn schon „Hulk light“, weil er sich nicht einmal ein Trikot zerreißen kann – es sitzt.
Die Alternative wäre ein Mittelfeld-Coup. Ohne Paquetá und Guimarães rücken Andrey Santos und Gabriel Sara ins Blickfeld. Ancelotti ließ sich Galatasaray-Videos schicken, um Santos‘ Pressing-Frequenz zu checken – 27 Balleroberungen im letzten Monat, Spitzenwert der türkischen Liga.

Die neun, die nie jemand zählte
Im Sturmzentrum fehlt der klassive Referenzpunkt. Matheus Cunha und Joao Pedro laufen bei Chelsea und Manchester United zwar heiß, doch beide hassen die reine Spitzenposition. Also ruft Ancelotti Igor Thiago – 24 Jahre, null U-Einsätze, 22 Pflichtspieltore für Brentford. Die Statistik ist lauter als jede Vita: Nur Haaland und Watkins verwandelten mehr Großchancen in dieser Saison. Brasiliens Neue 9 kam gestern morgen in London zum Flughafen – mit dem Economy-Ticket und dem Traum, den sechsten Stern zu nähen.
Nach dem Abschlusstraining heute Abend in Teresópolis wird Ancelotti eine Tafel ziehen: links Vinícius, rechts Rayan, Mitte Igor Thiago – ein Dreigestirn, das noch nie zusammen spielte. Dabei spielt Brasilien nicht nur für zwei Siege gegen Frankreich und Kroatien. Es spielt um seine Identität. Denn wer jetzt glänzt, reist im Sommer nach Amerika – und schreibt sich in ein Jahrhundert-Maskenbild ein, das noch kein Gesicht hat.
