Blind, 46 stunden wach, knapp 9 km ohne seh-fahrer: victor asenov stürmt aufs rosa trikot der courage

Victor Asenov hat keine Lust auf Motivations-Geschwafel. Er lebt sie. Schweiß, Schwindel, Schlaflosigkeit – alles Teil seines Trainingsplans. Während der Giro d’Italia in Bulgarien seine erste Grande Partenza außerhalb Italiens feiert, schiebt der 28-jährige Sofia-Anwalt eine ganz eigene Schlussetappe ein: Er will als erster blinder Extremsportler des Landes auf einem Solo-Rad – ohne Tandem-Pilot, ohne Sicht – exakt 8,9 km durch die Hauptstadt rollen.

Everest ohne augenlicht: 46 stunden auf einem hang

Die Zahl steckt im Kopf: 8.848 Meter Höhengewinn. Um sie zu erreichen, stieg Asenov vergangenes Jahr 178 Mal einen 50 Meter hohen Hügel hoch und wieder runter – zu Fuß, 46 Stunden am Stück, nur mit Stockschlägen und Gefühl. Dann wechselte er aufs Tandem und qualifizierte sich für die erste Everesting-WM in Sizilien. Rekorde interessieren ihn nicht. „Ich will wissen, wo meine Wand wirklich steht“, sagt er knapp. Die meiste Zeit findet er sie ein paar Meter weiter als gedacht.

Am Sonntag steht keine Bergwiese, sondern ein Asphalt-Korsett an: Der Kurs führt vom Alexander-Newski-Platz über die Tschaikowski-Straße bis vor das Parlament – exakt die Strecke, auf der kurz darauf die Pros des Giro erwartet werden. Für Asenov ist sie ein horizontaler Mont Ventoux. Kein Seil, kein Fels, nur Luft, Lärm und das eigene Gleichgewicht. „Ich höre die Ränder der Fahrbahn, spüre den Wind an den Gebäuden, zähle die Schachtabdeckungen“, erklärt er. Klingt nach verrückter Zauberei, ist aber akustisches GPS – Reflexe, die er sich in 700 Trainingsstunden antrainiert hat.

Die angst sitzt im sattel – und trotzdem geht’s los

Die angst sitzt im sattel – und trotzdem geht’s los

Ein Sturz wäre keine Schlagzeile, sondern ein Imageschaden für jeden, der Behinderung mit Mitleid verwechselt. Genau deshalb verzichtet Asenov auf Schonraum. Begleitet wird er lediglich von zwei Spottern auf E-Bikes, die im Notfall einschreiten. „Ich will, dass Leage fragt: Wenn der das schafft, warum schaffe ich mein Projekt nicht?“ Die Botschaft ist klar: Barrieren wachsen oft schneller in den Köpfen als auf der Straße.

Bulgariens Sportminister*innen haben den Auftritt längst als Softpower-Event entdeckt. Die Wahrheit aber ist simpler: Asenov bucht sich eine Startnummer in seinem eigenen Rennen. Keine Kameras auf einem Hubschrauber, keine Getriebe aus Carbon, nur ein Mann, zwei Pedale und ein Ziel, das er nicht sehen, aber spüren wird. Wenn er durch das Ziel rollt, bevor das Rosa Trikot die rote Teppich-Arena erreicht, haben beide dasselbe gemeinsam: Sie haben heute ihre Komfortzone verlassen. Der Unterschied: Asenov kann sie nie wiederfinden.