Bierhoff: italiens fußball braucht eine revolution – und geduld!
Zenica – Oliver Bierhoff hat die italienische Fußball-Nation mit deutlichen Worten aufgeschreckt. Der ehemalige deutsche Nationalspieler und DFB-Funktionär warnt vor Selbstgefälligkeit und fordert einen grundlegenden Umbruch, um den Fehltritt bei der EM-Qualifikation zu korrigieren. Eine bittere Diagnose, die im italienischen Fußball seit Jahren reift.
Die ursachen der krise sind tiefgreifend
„Ich denke, manchmal muss man den Boden berühren, um aufzuspringen“, so Bierhoff in einem Interview. Die jüngste Pleite gegen Bosnien ist für ihn kein Zufall, sondern das Ergebnis einer längerfristigen Entwicklung. „Es kann nicht sein, dass Italien zum dritten Mal in Folge eine EM verpasst. Das ist kein Einzelfall.“ Bierhoff sieht die Wurzeln des Problems in einer fehlenden Qualität im Kader und einer veralteten Spielphilosophie.
Die deutsche Blaupause: Eine Dekade des Umbruchs
Bierhoff erinnert an den Weg der deutschen Nationalmannschaft ab 2004. Nach einer Phase der Stagnation wurde das gesamte System überdacht. „Wir haben in den Jugendakademien investiert, die Ausbildung der Trainer verbessert und die Trainingsmethoden modernisiert. Der Fokus lag auf Technik, taktischer Flexibilität und mentaler Stärke. Aber es hat zehn Jahre gedauert, bis wir die Früchte dieser Arbeit ernten konnten – mit dem WM-Titel 2014.“
Die italienische Mannschaft hingegen habe nach dem EM-Sieg 2020 eine trügerische Ruhe genossen. „Der Titel war das Ergebnis eines gut funktionierenden Teams, aber nicht unbedingt ein Zeichen für individuelle Qualität. Wenn man in den Top-Ligen Europas nach italienischen Spielern sucht, dann findet man nicht so viele wie beispielsweise bei den spanischen oder portugiesischen Klubs.“

Gattuso und die fehlende mentalität
Auch die Rolle von Trainer Luciano Spalletti wird in Frage gestellt. „Es tut mir leid für ihn, aber ein Trainer kann nur einen Teil der Probleme lösen. Es braucht eine Einheit im Team, eine kämpferische Mentalität, die über die reine Taktik hinausgeht.“ Bierhoff kritisiert zudem das Fehlen von „Cattiveria“ – der unbändigen Siegeswillen, der vielen jungen italienischen Talenten fehlt. „Sie müssen lernen, sich alles zu erkämpfen, auch außerhalb des eigenen Landes.“
Die Diskussion über ein 3-5-2-System, das als zu defensiv und wenig innovativ gilt, ist berechtigt. „Der italienische Fußball war immer taktisch stark, aber er hat sich nicht an die veränderten Gegebenheiten angepasst. Das Spiel ist schneller, intensiver, athletischer geworden. Italien muss sich neu erfinden, um wieder mithalten zu können.“
Wie Bierhoff betont, ist es kein Wunder, dass andere Nationen den Anschluss gefunden haben. „Es geht nicht nur um gute Spieler und Trainer, sondern um eine ganzheitliche Entwicklung. Man muss die Jugend fördern, ihnen mehr Spielraum geben und sie dazu bringen, besser zu werden als die ausländischen Spieler, die in der Serie A spielen.“
Die italienische Fußball-Föderation muss sich ihrer Verantwortung stellen und einen klaren Plan für die Zukunft entwickeln. Bierhoff mahnt: „Es gibt keine magische Lösung. Es braucht Zeit, Geduld und vor allem die Bereitschaft, sich zu verändern.“
Die Bilanz der verpassten Weltmeisterschaften und Europameisterschaften ist erschreckend. Allein für die verpassten WM-Turniere schätzt die FIGC die finanziellen Verluste auf 100 Millionen Euro. Doch der sportliche Schaden ist immens. Der italienische Fußball muss dringend handeln, bevor er endgültig den Anschluss verliert. Die Zeit drängt.
