Barella-problem: zahlen strotzen, tore fehlen – inter droht der superstar zu entgleiten

Nicolò Barella läuft und läuft. 69 vertikale Steilpässe, 29 Doppelpass-Anspiele, 23 Key Passes – alles Spitzenwerte der Serie A. Doch in der entscheidenden Kolumne „Tore“ steht nur eine bescheidene Eins. Und genau das nagt an seinem Ansehen, an Inter und am Meistertraum.

Chivu hat mit dimarco schon ein wunder geschafft – barella wird zur geduldsprobe

Chivu hat mit dimarco schon ein wunder geschafft – barella wird zur geduldsprobe

Trainer Cristian Chivu hat Federico Dimarco aus der Defensiv-Rolle befreit und zu einem der brandgefährlichsten Außenbahnspieler Europes gemacht. Die Anweisung für Barella klingt ähnlich: „Spiel frei, spiel schnell, spiel vertikal.“ Das gelingt ihm auch – fast zu gut. Zu oft enden seine Aktionen mit einem Pass, der schön, aber nicht tödlich ist.

Die Statistik lügt nicht: In der Saison 2022/23 schoss Barella neun Mal ein. Diesmal droht ihm mit einem Treffer die schlechteste Ausbeute seit seinem Wechsel vom CFC. Chivu nahm ihn in der Champions-League sieben Mal von Anfang an aufs Feld, setzte ihn aber nur in neun von 25 Liga-Partien durch. Kurz: Er spielt viel, aber nicht immer bis zum Schluss. Der Grund liegt in der mangelnden Effizienz.

Im Derby della Madonnina gegen Milan verpasste Barella innerhalb von 20 Minuten zwei Hochkaräter, wurde kurz vor Ende ausgewechselt. Die Kurve piff, die Presse nagt. „Velleitär“ nennen ihn Kommentatoren, wenn er nach außen dribbelt, statt den Abschluss zu suchen. Die Bilanz: fünf Assists, ein Tor – Zahlen für einen soliden Arbeiter, nicht für einen Star von 70-Millionen-Klasse.

Doch wer genau hinsieht, erkennt das Paradox: Barella ist fitter und präsenter denn je. Verletzungsbedingt fehlte er nur viermal, zwei weitere Spiele saß er der Rotation wegen auf der Bank. Seine Lauflänge pro Partie liegt bei 11,3 Kilometern – Spitzenwert im Kader. Es ist die gleiche Distanz, die Inter vor drei Jahren zum Titel trug. Nur mit einem Unterschied: Die Tore kamen damals von ihm mit.

Chivus Lösung steht auf dem Trainingsplan: Positionsspiel mit Variation bis ins Sechzehner. Barella soll wieder den Halbraum vor dem Strafraum besetzen, statt sich tief zu verankern. Die erste Testphase lief bereits in der 2:0-Pflichtsieg gegen Cremonese, als er das 1:0 vorbereitete und kurz vor dem zweiten Treffer stand. Ein Fingerzeig, kein Befreiungsschlag.

Die Meisterschaft ist offen, Inter liegt zwei Punkte hinter dem Stadtrivalen. Fünf Runden sind noch zu spielen. Wenn Barella in diesen Partien nur zwei weitere Tore oder drei entscheidende Vorlagen beisteuert, würde seine Quote zwar noch immer unter seinen Bestmarken liegen – aber der Scudetto wäre greifbar. Denn Titel gewinnt man nicht mit Excel-Tabellen, sondern mit einem einzigen Moment Klasse.

Genau diesen Moment muss Barella liefern. Sonst bleibt er das ewige Versprechen, das Zahlen liefert, aber keine Trophäe. Und für Inter wäre das eine verschenkte Saison – trotz 64 Toren und trotz eines Mittelfeld-Stakanowisten, der plötzlich selbst vor dem Tor stehen muss, anstatt nur davor.