Barcelona entlässt 399 arbeiter – das camp nou spuckt seine bauhelden aus
Der Baukran steht noch, aber das Herz der Baustelle Spotify Camp Nou schlägt nur noch halb. Die türkische Großbauschrauber-Firma Limak hat am Montag beim katalanischen Arbeitsamt ein ERE für 399 Mitarbeiter eingereicht – pünktlich zur Phase 1C, die gerade die Nordtribüne wieder für 62.657 Zuschauer öffnet. Der Ironie des Fußballs kann niemand entrinnen: Je näher das Stadion der Fertigung kommt, desto weiter rücken die Menschen, die es überhaupt erst möglich machten.
Die lizenz zum feiern wird zur kündigungsurkunde
Die Genehmigung des Ajuntament für die Erweiterung war vor zwei Wochen noch ein PR-Feuerwerk. Präsident Joan Laporta posierte vor der neuen Nordkurve, versprach «Rückkehr in eine neue Ära». Was er verschwieg: Mit jeder verschraubten Stahlplatte schrumpft der Bedarf an Fachkräften. Limak spart nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Bauplan. Die Montage der Dachkonstruktion ist im Zeitplan, die Logistik läuft digital, die Stahlträger kommen just-in-time. Wer nur noch auf Knopfdruck wacht, wird überflüssig.
Der Protest der Betroffenen folgte am Tag nach der Ankündigung sofort. Rund 300 Arbeiter versammelten sich vor dem Tor 14, skandierten «Somos la grada invisible» und warfen dem Club «soziale Kälte» vor. Viele von ihnen sind nicht einmal bei Limak fest angestellt, sondern bei Subunternehmen, die nun ebenfalls Stornos erhalten. «Wir haben 2023 die Fundamente ausgehoben, 2024 die Stahlgerüste geschweißt, und 2025 sollen wir einfach verschwinden?», sagt Miguel Ángel Ríos, 42, Vorarbeiter aus Santa Coloma. Sein Vertrag läuft Ende Juni, danach ist «Erde» – im wahrsten Sinne des Worts.

Limak spielt poker mit dem arbeitsamt
Das Unternehmen betont, man wolle «so viele Leute wie möglich» in anderen Projekten unterbringen. Tatsache: In Barcelona stehen noch die Campus-Neubauten der Basketball- und Handballabteilungen an, außerdem plant der Club ein neues Hotel am Diagonal. Doch diese Baustellen sind kleiner, die Margen enger. Gewerkschaftsführer Pepa García von der CCOO rechnet damit, dass «höchstens 80 Leute» umgewidmet werden. Die übrigen 319 erhalten Abfindungen von durchschnittlich 33.000 Euro – ein Trostpflaster, das in Barças Gehaltsliga kaum ein halbes Jahresgehalt eines Reservespielers entspricht.
Die Zeitpläne sind gnadenlos. Noch in diesem Herbst soll das komplette Dach montiert sein, damit Ende 2027 die letzte Schraube sitzt und das Stadion 105.000 Fans fassen kann. Die finale Großbauphase startet 2026, doch dann arbeiten vor allem Spezialfirmen für Fassade und Entertainment-Anlagen – andere Qualifikation, andere Lohntabellen. «Die Jungs von heute sind morgen Geschichte», sagt García. «So funktioniert moderne Sportarchitektur: schnell, hoch, teuer – und menschlich kühl.»
Der FC Barcelona selbst hält sich bedeckt. Auf Anfrage heißt es, man stehe «in engem Dialog» mit Limak und den Behörden, um «soziale Härten zu mildern». Gleichzeitig fließt das Geld: Die Spotify-Namensrechte bringen 55 Millionen Euro jährlich, die neue VIP-Tribüne soll 300 Millionen kosten. Die Arbeiter, die diese Zahlen erst möglich machten, bekommen jetzt ihre Abfindung per E-Mail. Kein Einladungsschreiben für die Eröffnung, kein Dankesvideo auf den Leinwänden, die sie selbst montiert haben.
Am Ende bleibt eine simple Rechnung: 399 Kündigungen, 399 Familien, 399 Mal das Gefühl, nur Kanonenfutter im Milliardenprojekt gewesen zu sein. Wenn im Dezember 2027 das neue Camp Nou erstrahlt, wird niemand mehr an jene denken, die es aus der Erde geholt haben. Das Stadion wird jubeln, die Spieler jubeln, die Aktionäre jubeln. Die Bauarbeiter schauen vom Fernseher aus ihrer neuen Arbeitslosigkeit. Der Ball rollt – über die Köpfe hinweg, die ihn erst ins Rollen brachten.
