Touring feiert 100 jahre: wie mailand die autowelt revolutionierte
Vor hundert Jahren, am 25. März 1926, schrieben zwei Anwälte in einer Seitenstraße Mailands ein Stück Automotive-Geschichte. Felice Bianchi Anderloni und Carlo Ponzoni kauften die pleite Carrozzeria Falco und nannten sie von da an Touring. Keiner ahnte, dass aus dieser Notlage die Ikone des italienischen Designs werden würde.
Die geburt der superleggera
Statt Blechklötze zu schweißen, wandten die Mailänder einen Trick an, den sie aus der Flugzeugindustrie abschauten: ein Gitter aus dünnen Stahlstäben, bespannt mit Aluminiumblech – leicht wie ein Rennrad, stabil wie ein Brückenkabel. Das Superleggera-Verfahren war geboren und machte 1938 die Alfa Romeo 8C 2900B zum schnellsten Coupé Europas.
Der Krieg zerstörte die Werkstätten, doch Carlo junior, Sohn des Gründers, ließ sich nicht beirgen. „Gewicht ist der Feind, Luftwiderstand das Hindernis“, prägte er 1946 in die Betonwände der neuen Halle. Unter diesem Motto entstanden Autos, die heute für achtstellige Beträge den Besitzer wechseln.

Von der 1000-miglia-sieg bis zum bond-dreh
1950 fuhr Giannino Marzotto mit der Ferrari 166 MM Barchetta von Touring in unter elf Stunden von Brescia nach Rom und zurück – ein Rekord, der 70 Jahre später noch für Furore sorgt. Die Karosserie wog damals 42 Kilogramm, weniger als ein Koffer voll Bücher.
Die britische Filmindustrie entdeckte das italische Flair: 1964 baute Touring für Goldfinger die Aston Martin DB5. Die Gadgets stammen aus Q-Labor, doch die Silhouette, die James Bonds Coolness transportiert, stammt aus Mailand.
Zwischen 1955 und 1966 liefen nur 758 Maserati 3500 GT Coupé vom Band, jede Karosserie handgeklopft. Wer heute ein Exemplar findet, zahlt leicht eine Million Euro – wenn sich ein Besitzer überhaupt trennt.
Warum der jubiläumswagen 2026 alle blicke zieht
Die neue Touring Scià di Persia basiert auf dem Chassis eines Ferrari 812 Superfast, doch die Flanken erinnern an die Disco Volante von 1952. Die ersten fünf Exemplare sind bereits verkauft, obwohl der Preis bei 1,8 Millionen Euro liegt. Die Warteliste reicht bis 2029.
CEO Paolo Mancini> bringt es auf den Punkt: „Wir bauen keine Retro-Autos, wir bauen Zukunft mit Geschichte.“ Das klingt nach Marketing, ist aber Programm: Jedes Blechteil wird nach wie vor mit dem Holzhammer geformt, bevor die CNC-Maschine nacharbeitet.
Am 25. März 2026 rollt eine Parade durch Mailand: 100 historische Touring-Autos, angeführt von der 8C 2900B, abgeschlossen von der Scià di Persia. Die Stadt vergibt den Goldenen Kompass – die höchste Auszeichnung für Design – erstmals posthum an Felice Bianchi Anderloni. Seine Tochter Maria-Teresa wird den Preis entgegennehmen und anschließend mit dem ersten Serienmodell der neuen Ära durch die Via Montenapoleone fahren.
100 Jahre, 42 Kilogramm Karosserie, null Gramm Fett – so leicht kann Legende sein.
