Neun jahre ohne john surtees: der einzige champion, der zwei räder und vier räder beherrschte

Am 10. März 2017 erloschen in einem Londoner Krankenhaus die letzten Töne eines Motors, der nie mehr so laut werden sollte. John Surtees starb mit 83 Jahren – und mit ihm ein Rekord, der bis heut unangetastet blieb: Weltmeister auf Motorrad und Formel-1-Wagen. Kein anderer fuhr sich in beide Hallen der Unsterblichkeit.

Von tatsfield an die spitze zweier welten

Der Sohn eines Seitenwagenfahrers lernte schon als Kind, dass Geschwindigkeit keine Frage des Alters ist. Mit 15 startete er seine ersten offiziellen Rennen, mit 20 debütierte er in der Motorrad-Weltmeisterschaft. Was folgte, liest sich wie ein Drehbuch aus einer Ära, in der Helden noch ohne Airbag unterwegs waren: 38 Siege in 49 Läufen zwischen 1952 und 1960, sieben Titel in den Klassen 350 und 500 cm³, nur viermal keine Podestplatzierung. Die Zahl allein wirkt absurd – bis man bedenkt, dass Surtees auf Maschinen fuhr, deren Bremsen heute als „Holzklötze“ gelten würden.

1960 stieg er um – nicht auf ein stärkeres Bike, sondern in ein offenes Cockpit. Die Formel 1 war damals ein Saloon voller Rauch, Alkohol und 300-PS-Schlachtschiffen. Surtees wechselte die Disziplin, nicht den Appetit: 111 Grand-Prix-Starts, sechs Siege, 1964 krönte er sich im Ferrari 158 zum König. Die Konkurrenz? Clark, Gurney, Bandini – Legenden, die heute noch in Boxengassen zitiert werden. Keiner von ihnen konnte jemals nachvollziehen, wie sich das Gefühl anfühlt, auf zwei und auf vier Rädern ganz oben zu stehen.

Die Statistik lügt nicht, aber sie erzählt auch nicht die halbe Wahrheit. Surtees war kein Mann der Computeranalysen, sondern der Ohren. Er hörte, wenn ein Zylinder feuerte oder ein Differential schliff. Mechaniker schwärmen noch heute davon, wie er nach einer Runde wusste, welche Schraube um eine Viertelumdrehung angezogen werden musste. Das ist keine Romantik – das ist die Datenlage von Leuten, die mit ihm arbeiteten.

Ein sohn, ein unfall, eine wunde, die nie verheilte

Ein sohn, ein unfall, eine wunde, die nie verheilte

Surtees überlebte die tödlichen Jahre der 60er und 70er, in denen Fahrer wie Bandini, Revson oder Rindt ihr Leben ließen. Doch das Schicksal schlug später zu. 2009 rutschte ein Rad in Brands Hatch ab, ein Reifen traf den Helm seines Sohnes Henry. Der 18-Jährige erlag noch am selben Tag seinen Kopfverletzungen. Väterliche Trauer lässt sich nicht in PS oder Podestplätze übersetzen. Von da an trat Surtees öffentlich nur noch mit einer Mission auf: Sicherheit. Er gründete die Henry Surtees Foundation, finanzierte Barrieren, FIA-Projekte, Förderkurse. Die Ironie: Der Mann, der alles gewann, musste lernen, dass manche Rennen unentschieden enden.

Lewis Hamilton nannte ihn „eine Legende mit einem Herz“. Ferrari sprach vom „Verlust eines der größten Fahrer unserer Geschichte“. Beide Sätze klingen nach Ritual, aber sie treffen den Kern. Denn Surtees hinterließ nicht nur Pokale, sondern einen Maßstab. Wer heute in der MotoGP und der Formel 1 triumphieren will, muss zwei Karrieren leben – und wird doch nur eine haben.

Neun Jahre nach seinem Tod ist Surtees‘ Rekord noch immer unangetastet. Die MotoGP-Fahrer schauen auf Marquez, die Formel-1-Piloten auf Verstappen. Aber keiner von ihnen wird jemals auf zwei und auf vier Rädern Weltmeister werden. Die Zeit ist vorbei, die Regeln zu komplex, die Spezialisierung zu groß. Surtees bleibt allein – ein Einzelstück in einem Museum, das niemand mehr erweitern kann. Und genau das macht seine Geschichte so laut, auch wenn die Motoren seit neun Jahren leiser geworden sind.