Falscher abbieger wirft top-favoritinnen raus – kochs podest in siena ist halb geliehen

Ein Motorrad lotst Pauline Ferrand-Prévot, Demi Vollering und Co. in eine Sackgasse – und ausgerechnet Franziska Koch profitiert vom größten Navi-Patzer des Jahres. Plötzlich steht die 25-jährige Deutsche auf dem Treppchen der Strade Bianche, während die Großen des Pelotons hinterherfahren und fluchen.

Die sekunde, die das rennen kippte

33 Kilometer vor Siena rollt die Favoritengruppe durch staubweiße Gassen, als das Begleitmotorrad links in eine enge Nebenstraße einbiegt. Die Piloten glauben, der Weg zum Ziel sei frei. Die Radlerinnen folgen blind – schließlich signalisiert der Verkehrspolizist: „Alles klar.“ Erst nach 300 Metern kommt die Ernüchterung: Sackgasse, hohe Mauern, kein Durchkommen. Umdrehen, zurück, Zeit verloren.

„Wir wussten, wir kommen nicht mehr zurück“, sagt Vollering, während ihr Blick zwischen Staubwolke und Computeruhr hin- und herspringt. In diesem Moment beträgt der Rückstand zur Spitze 48 Sekunden – auf Schotterpisten ein Grab. Ferrand-Prévot lacht bitter: „Ich geh jetzt erst mal in den Bus und schaue, was da falsch gelaufen ist.“ Die Tour-de-France-Siegerin weiß: Ihre Siegchance ist gebrochen, bevor der finale Anstieg beginnt.

Koch spürt den vorteil, aber weiß ihn zu nutzen

Koch spürt den vorteil, aber weiß ihn zu nutzen

Vorne hat Koch nichts von dem Drama mitbekommen. Sie folgt Elise Chabbey und Kasia Niewiadoma, presst sich in die Kurve, spürt, dass das Tempo kurz einbricht, aber keiner der Sportdirektoren funkte bislang die Warnung. Die Gruppe um sie herum zählt acht Fahrerinnen – ein Minivorteil, den sie sich nicht nehmen lässt. „Ich hab nur gedacht: Endlich etwas Luft“, erzählt sie später, „und dann kam mir das Gefühl, dass heute mehr drin sein könnte.“

13 Kilometer später beginnt die Piazza-Empore. Die Via Santa Caterina steigt 16 Prozent, die Kopfsteinpflaster sind glatt wie Seife. Koch verliert zunächst das Hinterrad von Longo Borghini, taumelt zurück auf Rang vier. Doch sie schaltet in den kleinsten Gang, sucht die linke Spur, wo weniger Losesteine liegen, und spurtet in der letzten 150-Meter-Schikane vorbei an der italienischen Meisterin. Das Publikum tost – ein Podest, das vor zwei Stunden noch in weiter Ferne war.

Die zahlen, die die geschichte erzählen

0,8 Sekunden beträgt der Abstand zwischen Koch und Longo Borghini im Zielfoto. 37 Sekunden liegen zwischen der Siegerin Chabbey und Ferrand-Prévot, die Letzte der einst so erhofften Favoritinnen-Gruppe. Und 42 Sekunden entsprechen exakt dem Zeitverlust, den das verunglückte Motorrad verursacht hat. Der Zufall wird zur Statistik.

Doch Koch will sich nicht als Zufallsgewinnerin feiern lassen. „Ich bin nicht vom Himmel gefallen“, sagt sie mit fester Stimme. „Ich hab 133 Kilometer lang Position gekämpft, in der Gluthitze Getränke holen müssen, mich mit jedem Schotterstück auseinandersetzen.“ Der deutschen Meisterin bleibt nur eine kurze Siegespose, dann schiebt sie den Helm wieder runter. Die Saison ist lang, und dieses Podest ist ein Prost, das sie sich selbst ausgeschenkt hat – mit ein bisschen Nachschlag vom Schicksal.