Emma aicher jagt die kristallkugel – 14 punkte trennen sie vom abfahrtstitel
Val di Fassa – ein Hundertstel. So viel fehlte Emma Aicher zum Sieg, so viel wie ein Atemzug. Die 22-Jährige preschte als Zweite durchs Ziel, schlug die Stöcke auf die Knie und wusste: Das reicht. Denn hinter ihr bleibt selbst Olympiasiegerin Breezy Johnson auf dem dritten Treppchen stehen, und vor ihr liegt nur Laura Pirovano, die Italienerin, die diesmal schneller war. Die Disziplin-Wertung aber dreht sich längst in Aichers Richtung.
Die rechnung geht auf: lindsey vonn kann nicht mehr angreifen
Die Amerikanerin, die nach ihrem Crash in Peking die Saison beenden musste, sitzt inzwischen auf der Couch und schaut auf eine Tabellenspitze, die sie nicht mehr verteidigen kann. Aicher holte 80 Punkte, liegt nun 14 hinter Vonn – und hat noch zwei Rennen Zeit. Samstag, 10.45 Uhr, zweite Abfahrt im Trentino. Schon dort kann die Deutsche die Führung übernehmen, die kleine Kristallkugel rechnerlich einpacken. Pirovano folgt mit 50, Kira Weidle-Winkelmann mit 80 Punkten Rückstand. Die Konkurrenz schrumpft, der Druck wächst.
Doch Aicher trägt ihn locker. Sie lachte nach dem Rennen, winkte in die Kameras und sprach von „einem guten Tag, aber nicht dem perfekten“. Das ist keine Show. Es ist ihre Art, sich vor dem nächsten Angriff zu schützen. Denn der kommt – und er ist größer, als viele ahnen.

Mikaela shiffrin spürt den atem im nacken
Die Gesamtwertung? Aicher rückte auf Rang zwei vor. Zwischen ihr und Mikaela Shiffrin liegen 139 Punkte. Klingt viel. Ist es nicht. Shiffrin verzichtet auf die Speed-Rennen in Val di Fassa, muss in den Slaloms und Riesenslaloms punkten. Aicher aber fährt auch Slalom und Riesenslalom inzwischen unter die besten Zehn. Das Weltcup-Finale in Lillehammer Ende März könnte ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden – und diesmal nicht nur um die kleine, sondern um die große Kristallkugel.
Die Szene reibt sich die Augen. Vor zwei Jahren noch galt Aicher als Aufsteigerin mit Potential. Jetzt ist sie die deutsche Hoffnung, die Konstante, die Speed-Queen mit Technik im Gepäck. Ihre Trainer sprechen von „einer neuen Generation“, die nicht mehr zwischen Speed und Technik unterscheide. Aicher selbst sagt: „Ich will beides.“ Und sie meint es ernst.
Die Zahlen sprechen für sie: drei Podestplätze in den letzten vier Abfahrten, keine Niederlage außerhalb der Top-15 seit Saisonbeginn. Die Konkurrenz spricht leise von „Mentalität“, die sie auszeichne. Gemeint ist: Sie traut sich das, was andere nur planen.
Am Samstag geht es erneut runter auf die Canalone Miramonti. Pistenhard, 2.700 Meter, 65 Sekunden reine Adrenalin. Aicher wird starten mit Startnummer 7, direkt hinter Pirovano. Die Italienerin will Revanche, die Deutsche den Knockout. Wer zuletzt lacht, trägt vielleicht schon das erste Stück Kristall nach Hause – und der Rest der Saison wird zum offenen Kampf um Geschichte.
