Antonelli schlägt in shanghai ein: italiens 70-jährige wm-sehnsucht lebt

Ein 19-Jähriger lässt Maranello flüstern, Mailand jubeln und ganz Rom auf die Barrikaden steigen. Andrea Kimi Antonelli schob in Shanghai seinen Silberpfeil vor die Kameras, und plötzlich war klar: Die längste Durststrecke der Motorsportgeschichte könnte ein Teenager aus Bologna beenden.

Seit dem 19. März 2006, als Giancarlo Fisichella in Sepang gewann, hatte Italien keinen Grand-Sieg mehr gefeiert. Der damals strahlende Sieger konnte ahnen, dass es dauern würde – aber 7 305 Tage? Am Sonntag schlug Antonelli die Lücke mit einer Runde Zeit, die 0,8 s schneller war als die des ersten Verfolgers. George Russell schaute auf die Anzeige und wusste: Der neue Kollege ist kein Schützling mehr, sondern eine Drohung.

Mercedes zockte mit dem baby-face – und gewann

Toto Wolffs Entscheidung, 2025 einen Fahranfänger in Hamiltons Sitz zu bugsieren, galt als Pokerspiel mit offenen Karten. Jetzt liegt der Pot in der Mitte des Tisches: 25 Punkte, eine rote Flagge für die Konkurrenz und ein italienischer Nationalhymne-Testlauf, der die Boxengasse zum Klingen brachte. „Er fährt Fehler ein, aber er fährt sie schneller als alle anderen“, sagte Wolff, während er ein Handy mit 73 ungelesenen WhatsApps von Maranello-Boss Vasseur in der Hand hielt.

Die Zahlen sind unbarmherzig: Nach drei Saisonrennen führtMercedes die Konstrukteurs-WM mit 42 Punkten Vorsprung vor McLaren. Ferrari liegt 67 Zähler zurück – und das, obwohl Hamilton mit einem Podest in China den alten Arbeitgeber eigentlich nur gratulieren wollte. „Als ich 2007 in Montreal meinen ersten Sieg holte, war Kimi noch in der Grundschule“, lachte der 41-Jährige. „Jetzt ist er der Boss – und ich der Opa, der ihm die Hand schüttelt.“

Japan wird zum schaulaufen – oder zum krieg

Japan wird zum schaulaufen – oder zum krieg

In zwei Wochen treffen sich die Teams in Suzuka zur vorletzten Runde vor der langen Pause. Bahrain und Saudi-Arabien fielen der politischen Realität zum Opfer, dafür bekommt die Technik zwei Monate Zeit, die Luftunterkante zu verstehen. Mercedes hat schon 14 Upgrades auf der Liste, Red Bull arbeitet an einer B-Version, die angeblich 0,3 s pro Sektor bringt. Und Italien? Das schaut auf einen Kalender, der seit 1951 unbeschrieben bleibt.

Antonelli selbst flüchtet nach dem Sieg nicht in die PR-Kulisse. Er lässt den Helm auf dem Tisch liegen, schlendert durch die Garage und sagt zu seinem Rennengruppe: „Ich will, dass die Alpen morgen vibrieren.“ Die Alpen werden vibrieren. Denn wenn ein 19-Jähriger mit einem Auto, das wie ein Raketenwürfel aussieht, die alte Ordnung zerbröselt, dann bleibt nur eine Frage: Wer stoppt ihn?

Die Antwort lautet: vielleicht niemand. Denn wer in Shanghai die Pole holt, die schnellste Runde fährt und dann noch die Cool-down-Lap mit der italienischen Fahne wedelt, der hat nicht nur ein Rennen gewonnen. Er hat ein Land aus dem Winterschlaf geweckt – und eine 70-jährige Leere mit einem einzigen Druck aufs Gaspedal geschlossen.