Ann-katrin berger spielt sich mit blut und paraden in die geschichtsbücher
Stavanger – Wer dachte, nach der 5:0-Gala gegen Island würde der deutschen Fußball-Nationalmannschaft einmal Luft wegbleiben, wurde am Freitagabend eines Besseren belehrt. Die 4:0-Auswärtssieg gegen Norwegen war keine Fußball-Lektion, sondern ein Kampf. Und die Heldin des Abends trug Handschuhe, keine Schuhe: Ann-Katrin Berger. 35 Jahre, 1,78 Meter, unerschrocken.
Ein torwart in der schusslinie
Viermal klickten die Funkgeräte der deutschen Betreuer, viermal stürmten Physiotherapeuten auf den Rasen. Einmal war es ein Knie im Rücken, einmal ein Ellbogen am Auge, einmal ein Schlag auf die Schulter – Berger spuckte Gras, wischte sich Blut vom Kinn und stand wieder. „Wir haben zu null gespielt, da muss es einem immer gut gehen“, sagte sie nach Abpfiff mit dem Grinsen einer Frau, die weiß, dass ihr Job darin besteht, Schmerzen zu verspeisen.
Die Zahlen sprechen für sich: Sechs Punkte, neun Tore, null Gegentreffer – so startete noch keine deutsche Frauen-Elf in eine WM-Qualifikation. Doch die Statistik erzählt nur die Hälfte. Der Rest steckt in den blauen Flecken, die unter ihrem Trikot schon lila schimmern. „Das gehört zu meinem Spielstil dazu“, erklärt sie, als hätte sie gerade beschlossen, dass Schmerz einfach ein weiteres Assist ist.

Die neue deutsche stammkraft
Christian Wück rotierte auf fünf Positionen, ließ Jella Veit und Sarai Linder debütieren und fragte sich sicher, ob die Abstimmung hinten hält. Antwort: Berger. Eine Parade gegen Caroline Graham Hansen in der 23. Minute, eine Reflextat gegen Guro Reiten in der 56., ein Fußabwehr gegen Julie Blakstad in der 71. – jeder Ball war ein Statement. „Da müssen wir uns bei Anne bedanken, dass wir zu null gespielt haben“, sagt der Bundestrainer und klingt dabei, als wolle er ihr die B-Note aus dem Lehrbuch streichen.
Vorne schoss Vivien Endemann doppelt und legte zwei weitere auf, doch selbst ihr erstes Tor in der 69. Minute wurde wegen Abseits zurückgenommen. Kein Problem. Die Wolfsburgerin lieferte die Vorlage zum 3:0 und servierte anschließend ein Lächeln, das sagt: Wir haben Reserven.

Konkurrenz ist ein luxurproblem
Mit Merle Frohms, Maria Luisa Grohs und jetzt auch mit Stina Johannes wartet ein ganzes Korsett an Nationaltorhüterinnen. Berger weiß das. Sie hat Krebs besiegt, zweimal, und weiß: Konkurrenz ist kein Bug, sondern ein Feature. „Wenn ein, zwei ausfallen, haben wir trotzdem Spielerinnen, die nachziehen können“, sagt sie und meint sich selbst, aber auch das System dahinter.
Die Konstanz über 90 Minuten fehlt noch, räumt sie ein. Norwegen fand 18 Minuten lang die Lücken zwischen Minge und Kett, fand aber eben Berger. Die Null steht, der Weg nach Brasilien 2027 ist frei. Und wenn es am Ende nur eine Frage der Durchschlagskraft ist, kann das Team sich beruhigt zurücklehnen – hinten steht eine Frau, die mit dem Gesicht blockt.
